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Wie wir Freund*innen sagen, was wir bisher lieber verschwiegen haben

Wie wir Freund*innen sagen, was wir bisher lieber verschwiegen haben

Dass sich viele Freundschaften nicht vertiefen, liegt an einem Subtext komplizierter und unausgesprochener Emotionen, sodass Vertrauen und Zuneigung nicht wachsen können. Unsere Freundschaften sind oberflächlicher und brüchiger, als sie es sein könnten, weil sie durch Unterschwelliges beeinträchtigt werden: durch ungelöste und nicht benannte Peinlichkeiten, Ressentiments, Neidgefühle, nicht erwiderte Wünsche, Verletzungen und Missverständnisse.

Die meisten von uns können ihre Freundschaften durchforsten, allenthalben stoßen wir auf latent vorhandene Gefühle und Gedanken (es ist selten, dass es keine gibt). Es kann etwa sein, dass die eine Freundin für die andere geschwärmt hat, es war aber nicht gegenseitig, und beide Seiten wissen es. In einer anderen Freundschaft ist die eine Seite eifersüchtig darauf, dass die andere mehr verdient und damit angibt. In einem dritten Fall hat jemand das Empfinden, dass er sich mehr und mehr anstrengt, was aber für selbstverständlich gehalten wird, während sein Freund sich wiederum schuldig fühlt und meint, auch für Umstände bestraft zu werden, die er nicht beeinflussen kann.

In einem vierten Fall gibt es eine anhaltende Wut über einen Streit, der fünf Jahre zurückliegt. In einem fünften war eine Partei vor Jahren nicht zu einer Geburtstagsfeier eingeladen und kann dies immer noch nicht vergessen.

Das Problem ist, dass wir sehr gut darin sind, Unterschwelliges nicht anzutasten, bis wir vergessen, dass es überhaupt da ist. In unserer Kindheit wird uns auf subtile Weise beigebracht, dass Subtexte nicht erforscht und preisgegeben werden dürfen. Es gibt nur wenige Eltern, die wirklich wissen wollen, was ihre Kinder empfinden, und nur wenige Lehrer oder Mitschüler, die die Zeit oder die Möglichkeiten haben, sich mit komplexen Gefühlen auseinanderzusetzen. Auch die Arbeitswelt ist ein warnendes Beispiel. Ungleiche Machtverhältnisse und die Notwendigkeit, Monatsvorgaben zu erreichen, verhindern in der Regel eine nachhaltige Untersuchung dessen, was sich im Hintergrund abspielt.

WIR NEIGEN ZU EINEM GRUNDLEGENDEN PESSIMISMUS, UND ZWAR DARÜBER, WAS IN MENSCHLICHEN BEZIEHUNGEN MÖGLICH IST.

Infolgedessen tragen wir unseren Schmerz unausgesprochen mit uns herum. Wir spüren vielleicht ein gewisses Maß an Enttäuschung, dass etwas nicht ganz in Ordnung ist – aber wir haben weder die Ideen noch das Vertrauen, uns auszumalen, dass es einen besseren Weg geben könnte. Wir neigen zu einem grundlegenden Pessimismus, und zwar darüber, was in menschlichen Beziehungen möglich ist.

Eine angemessene Auseinandersetzung mit dem Unterschwelligen erfordert eine ungewöhnliche Dosis Hoffnung und große Geistesstärke.

Zunächst einmal, und das ist das Wichtigste, verlangt es von uns, dass wir uns nicht länger dafür schämen, Dinge zu erleben, die der Vorstellung von einer problemlosen, unbeschwerten Freundschaft zuwiderlaufen. Es bedeutet, zu akzeptieren, dass wir letztlich gute Menschen sind und dennoch Neid oder Groll empfinden, von Schuldgefühlen oder Sehnsüchten geplagt werden.

Dieser Eindruck von der grundsätzlichen Legitimität unserer Gefühle sollte uns schließlich dazu bringen, uns ruhig und selbstbeherrscht zu äußern. Die Gefahr besteht darin, dass wir zu lange schweigen und dann, besorgt um unsere Rechte, aber unfähig, unseren Ärger zu zügeln, explodieren. Oder dass wir im Moment des Bekenntnisses so sehr in Tränen ausbrechen, dass unsere Botschaft auf fatale Weise unterminiert wird. Aber mit genügend Selbstvertrauen können wir es uns leisten, strategisch vorzugehen – das heißt, uns davon leiten zu lassen, was uns am besten in die Lage versetzt, zu jemandem durchzudringen. Wir können unsere Impulse mäßigen, und wir können ein ganzes Arsenal von Werkzeugen einsetzen: die richtige Art von Humor, die geschickte, scheinbar beiläufige, aber äußerst bedeutungsvolle Bemerkung, das aufrichtige, aber ruhige Geständnis, der gleichzeitig verletzliche und doch nicht verzweifelte Ton …

ES IST DEMÜTIGEND, WENN MAN BEDENKT, WIE LEICHT WIR LATENTES IN UNSEREN FREUNDSCHAFTEN AUFLÖSEN KÖNNTEN, SOBALD WIR EIN WENIG INNERE ARBEIT GELEISTET HABEN.

Es ist demütigend, wenn man bedenkt, wie viel Zeit bereits vergangen ist und wie leicht wir Latentes in unseren Freundschaften auflösen könnten, sobald wir ein wenig innere Arbeit geleistet haben. Einer Freundin könnten wir erklären, dass wir uns zwar immer danach gesehnt haben, mit ihr zusammen zu sein, dass wir aber jetzt erkannt haben, dass wir sie gründlich unglücklich gemacht hätten – und deshalb dankbar sind, dass sie die Weitsicht hatte (das muss mit einem Lächeln gesagt werden), beiden Jahre des Elends zu ersparen. Einem anderen Freund könnten wir – während wir die Rechnung für ein von uns vorgeschlagenes Abendessen bezahlen – zu verstehen geben, wie leid es uns tut, dass wir so wenig Zeit für ihn hatten, dass es aber überhaupt nichts damit zu tun hat, dass wir arrogant geworden wären, sondern dass wir zu oft erschöpft und ängstlich sind. Wir könnten es an manchen Stellen wagen, emotional sehr direkt zu sein, könnten sagen, wie viel uns jemand bedeutet und wie sehr wir hoffen, dass wir ihn nicht belästigen, wie sehr wir ihn respektieren oder uns danach sehnen, ihn zu entschädigen. Wir können dem, was in dem anderen unterschwellig brodelt, zuvorkommen, indem wir es beim Namen nennen (»Ich vermute, du denkst, dass ich ein sehr schlechter Mensch bin …«) oder einen Teil der Schuld auf uns nehmen, um dem anderen ein Geständnis zu entlocken (»Es war vielleicht meine Schuld, dass ich so spät zurückgekommen bin …«).

Unsere Freundschaften sind so viel schlechter, als sie es sein könnten, weil wir auf die Spannungen, die sich stets zwischen Menschen entwickeln, passiv reagieren. Wir denken zu schnell, wir hätten nicht das Recht, uns zu beschweren, weil wir selbst schrecklich sind oder abweichende Gefühle haben, oder wir denken, es sei unverzeihlich, wenn wir etwas verbockt haben. Wir sollten es wagen, den Subtext zu lokalisieren, unsere Scham zu überwinden und die Dinge beim nächsten Treffen mit unseren Freunden anzusprechen. Dadurch werden wir uns viel weniger ängstlich, weniger allein und nachtragend fühlen.

Dieser Essay ist ein Auszug aus dem The School of Life Buch “Die Kunst des guten Miteinanders: Wie wir die Tücken des Zusammenlebens bewältigen” (Kapitel Wie gehe ich mit unterschwelligen Gefühlen und Gedanken um?) – erschienen 2021 beim mvg Verlag. Preis: 15 € inkl. MwSt. Erhältlich im Buchhandel und bei uns im Shop in Berlin.





By The School of Life

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