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Warum wir unser Leben aufschieben (und wie wir damit aufhören)

Warum wir unser Leben aufschieben (und wie wir damit aufhören)

Zu jedem Leben lassen sich zwei Geschichten erzählen: die von dem Leben, das wir führen und die von dem ambitionierteren, erfüllteren Leben, von dem wir träumen, es aber nie ganz erreichen. Dieses Leben verpassen wir, weil wir in der Badewanne oder auf dem Sofa liegen, zu müde oder gestresst sind, zu abgelenkt oder zu resigniert. Dieses Leben könnte unseres sein, wenn es uns gelingen würde, uns endlich um die Dinge zu kümmern, die für uns wirklich von Bedeutung sind; wenn wir es schaffen würden, Menschen um Unterstützung zu bitten und anzufangen, unsere Ideen in die Tat umzusetzen. Wir vergeuden einige unserer besten Möglichkeiten an die stille Tragödie des Aufschiebens.

Dass wir uns für dieses Aufschieben schämen, ist Teil des Problems. Wir fühlen uns bereits so schuldig, dass allein der Gedanke, unsere Fehler zu untersuchen und Maßnahmen zu ergreifen, sich unerträglich anfühlt. Es scheint, als hätten wir bereits viel zu viel prokrastiniert, um einen Neuanfang zu verdienen.

Wir sollten weniger hart zu uns selbst sein – und somit weniger pessimistisch, was unsere Chancen auf Veränderung angeht. Aufschieben ist ein Problem, das in der menschlichen Natur liegt – nicht unser individuelles und unverzeihbares Versagen. Wir müssen das Problem rational betrachten, offen darüber sprechen und erkennen, welche Schritte wir unternehmen können, um das Aufschieben endlich zu überwinden.

Hier sind 5 Gedanken, die uns dabei helfen:

1. Wir sollten unsere Herausforderungen weniger ernst nehmen

Wir halten uns schnell für faul und inkompetent, wenn wir in den Dingen, die uns wichtig sind, nicht vorankommen. Doch der tatsächliche Grund für unsere Untätigkeit lässt uns in einem wesentlich besseren Licht erscheinen: Wir haben einfach nur Angst.

Seltsamerweise fällt es uns wesentlich leichter, Dinge zu erledigen, die uns mehr oder weniger egal sind. Ihre Bedeutungslosigkeit erlaubt uns, unsere unbeschwerteren, verspielteren und produktiveren Seiten auszuleben. Wir stellen fest, dass wir in kürzester Zeit mit unseren Aufgaben fertig sind und sie sich nicht einmal wie Arbeit anfühlen.

Die Dinge jedoch, die wirklich wichtig sind – jene, von denen unser Lebensglück entscheidend abzuhängen scheint – lähmen uns bis zur völligen Untätigkeit. Wir haben solche Angst vor dem Versagen, dass wir uns nicht trauen, einen Anfang zu machen. Wenigstens müssen wir uns nicht dem Risiko des Scheiterns oder eines demütigenden Beweises unserer Unfähigkeit aussetzen, solange wir die Aufgabe unangetastet lassen.

Hier liegt zugleich auch ein Lösungsansatz: Wir wären gut beraten, uns nicht ständig selbst daran zu erinnern, wie wichtig eine Aufgabe ist. Wir wissen das ohnehin recht gut und genau das ist das Problem.

Was wir stattdessen tun müssen, ist, uns ihre Bedeutungslosigkeit im Großen und Ganzen bewusst zu machen. Was wäre denn, wenn wir am Ende den Job nicht bekommen, den Auftrag verlieren oder das Bild ramponieren, das andere Menschen von uns haben? Das passiert, und man kann es überleben. Wir sollten etwas Abstand nehmen und uns bemühen, die Aufgabe von einer schrecklichen Tortur in das Einzige zu verwandeln, mit dem wir ruhig, souverän und energisch umgehen können: ein Spiel.

2. Wir sollten uns von falscher Offenheit verabschieden

Stellen wir uns vor, ein siebenjähriges Kind soll sich im Spielzeugladen ein Geschenk aussuchen und kann sich zwischen zwei Dingen nicht entscheiden. Das Kind bittet die Eltern, an einem anderen Tag wiederzukommen, denn bis zur Entscheidung bleiben beide Varianten möglich. Erst wenn das Kind sich festlegt, kommt der fatale Moment. Jetzt erst ist eines der Spielzeuge wirklich verloren und somit all das damit verbundene Glück, das gerade noch zum Greifen nahe schien.

Im Jahr 1843 veröffentlichte der dänische Philosoph Søren Kierkegaard ein Buch mit dem Titel “Entweder – Oder”. Seine These lautete, dass das Leben uns ständig zu Entscheidungen zwingt: Wir können heiraten und uns einschränken lassen oder frei sein, aber auf gemütliche, langfristige Zweisamkeit verzichten. Wir können nach Ruhm und Geld streben und sehr gestresst sein, oder wir können uns für ein ruhiges Leben entscheiden, aber immer von dem Gedanken verfolgt werden, dass wir unser wahres Potential vergeuden. Kierkegaard machte noch eine weitere Beobachtung: weil es so schwer ist, sich zu entscheiden, verbringen viele von uns ihr Leben damit, die Entscheidung zu vermeiden. Und das ist am Ende eine Entscheidung an sich. In seinen Augen gibt es keine Alternative, als sich der Wahl und dem Kompromiss zu stellen, den jede Entscheidung mit sich bringt.

Wir glauben, uns alle Optionen offen zu halten. Doch das ist eine folgenschwere Illusion.

Wenn wir die Wahl hinauszögern, scheinen alle Optionen erhalten zu bleiben. Doch das ist eine folgenschwere Illusion. Wir sollten unsere Prokrastination beenden, indem wir akzeptieren, dass jede Wahl notwendigerweise bedeutet, etwas Wichtiges zu verpassen. Wir sollten besser und schneller darin werden, Entscheidungen zu treffen, in der Gewissheit, dass (wie uns die Existenzphilosoph*innen lehren) jede Entscheidung auf ihre eigene Weise leicht falsch ist und uns immer etwas traurig machen wird.

3. Wir brauchen einen roten Faden in unserem Leben

Der 1922 erschienene Roman Ulysses von James Joyce ist ein Eckpfeiler der modernen Literatur und weist eine interessante Besonderheit auf: Das Buch hat so gut wie keinen Plot. In jeder Phase passiert eine Menge, aber es ist überhaupt nicht klar, wie alles zusammenpasst: Joyce Absicht war es, so die Verwirrung der modernen Existenz zu vermitteln. Obwohl dem Roman große Bedeutung zugeschrieben wird, wurde er von vergleichsweise wenigen Menschen gelesen, weil er unseren Appetit auf Handlung missachtet. In Büchern wollen wir wissen, warum etwas passiert und wohin es führen wird. Wir mögen es, wenn wir die Zusammenhänge zwischen Ursachen und Wirkungen mit einfachen Worten nachvollziehen können.

Dinge können sehr langweilig und träge werden, wenn wir den roten Faden aus den Augen verlieren.

Dies gilt nicht nur für die Literatur. Allgemein können Dinge sehr langweilig und träge werden, wenn wir den roten Faden aus den Augen verlieren. Seltsamerweise geschieht uns das in unserem Leben recht häufig, wodurch wir passiv und unproduktiv werden. Wir fangen vielleicht an, uns zu fragen, warum wir einen bestimmten Job ausüben oder warum wir uns in einer Beziehung so viel Mühe geben sollten. Über mehrere Jahre hinweg können wir bei einem großen Projekt aus den Augen verlieren, warum das, was wir tun, wichtig ist. Wir sind uns überhaupt nicht sicher, ob unsere Bemühungen jemals etwas bewirken werden; oder wie das, was wir Woche für Woche tun, zum Ganzen beiträgt.

In Wirklichkeit haben wir jedoch vielleicht sehr gute Gründe weiterzumachen, auch wenn wir sie nicht immer erkennen. Wir müssen regelmäßig einen Schritt zurücktreten und die Handlung unseres Lebens noch einmal vom Anfang bis zum jetzigen Moment zurückverfolgen. Wir müssen uns selbst an die fortlaufende Logik dessen erinnern, was wir tun und warum wir es tun. Wir können die Geschichte unseres Lebens so erzählen, dass der Sinn der kleinen und großen Herausforderungen der kommenden Tage immer aufs Neue sichtbar wird.

4. Wir haben die falschen Deadlines

Eine etwas demütigende Einsicht über die menschliche Natur ist die, dass Deadlines für uns funktionieren. Wir sind in hohem Maße davon abhängig, dass jemand anderes – eine vorgesetzte Person, ein*e Kund*in oder vielleicht ein Elternteil – etwas von uns verlangt und damit droht, uns zu bestrafen, wenn wir nicht pünktlich liefern. Wir sind vielleicht verärgert, müssen eventuell die Nacht durchmachen oder uns bis zur letzten Minute verzweifelt anstrengen, wir mögen jene verfluchen, die uns die Deadline gesetzt haben – aber wir bekommen die Arbeit mit ziemlicher Sicherheit erledigt und sind insgeheim ein bisschen dankbar für die Bevormundung.

Für vieles, was für uns wirklich bedeutsam ist, gibt es niemanden, der uns herumkommandiert.

Leider sind nur wenige der wirklich wichtigen Aufgaben im Leben mit Abgabefristen versehen. Für vieles, was für uns wirklich bedeutsam ist, gibt es niemanden, der uns herumkommandiert, antreibt oder mit Konsequenzen droht.

So gibt es keine klare Frist, um Schritte zu unternehmen, um ein kniffliges Problem in einer Beziehung zu lösen. Es gibt niemanden, der sagt: „Du musst bis morgen Abend rausfinden, was deinen Partner oder deine Partnerin in letzter Zeit so bedrückt“. Niemand setzt uns eine Frist, um herauszufinden, welchem Beruf wir wirklich nachgehen sollten – oder wie wir einen Konflikt in unserer Familie am besten lösen können. Es gibt keine Fristen, um mit den Kindern besser klarzukommen oder herauszufinden, wie wir unsere Kreativität ausleben können. Und so neigen wir dazu, diese heiklen und essenziellen Themen beiseite zu schieben und zu ignorieren.

Wir müssen wohl oder übel lernen, uns selbst Fristen zu setzen. Wir müssen unsere eigenen inneren Chef*innen werden. Zudem sollten wir anderen von unseren Absichten erzählen und sie bitten, bis zu einem bestimmten Datum ein bestimmtes Maß an Fortschritt von uns zu erwarten. Wir können unsere Freund*innen bitten, uns Druck zu machen – denn das ist besser als die Alternative: unser Leben zu vergeuden. Schließlich sollten wir die endgültigste aller Deadlines immer im Hinterkopf behalten – zum Beispiel indem wir einen Totenkopf auf unserem Schreibtisch platzieren.

5. Nein, es ist nicht zu spät

Der Philosoph Immanuel Kant galt bei seinen Zeitgenoss*innen bis spät in sein Leben als Zeitverschwender. Er ging auf viele Partys, er flirtete, er plauderte den ganzen Nachmittag und Abend. Erst mit Ende fünfzig veröffentlichte er sein erstes wichtiges Buch – eine sehr schwierige, aber höchst einflussreiche Abhandlung: die Kritik der reinen Vernunft. Heute gilt er ohne jede Frage als einer der großen Denker der Moderne, doch das alles kam sehr spät (besonders wenn man bedenkt, dass die Lebenserwartung für Männer zu seiner Zeit bei 44 Jahren lag).

Dass wir schon viel Zeit vergeudet haben, ist kein Grund, nicht anzufangen.

Manchmal halten wir die Tatsache, dass wir schon viel Zeit vergeudet haben, für einen Grund, nicht anzufangen. Es scheint unmöglich, dass wir schon mehr als die Hälfte unseres Lebens hinter uns haben und trotzdem noch die Chance für uns besteht, etwas Wichtiges zu schaffen: eine Familie zu gründen, ein Unternehmen zu führen, etwas zu erfinden, ein Buch zu schreiben oder ein Haus zu bauen. Für die selbsthassenden, selbstzweifelnden Zauderer unter uns sind deshalb Geschichten von Spätaufsteiger*innen von besonderer Bedeutung.

Wir sollten uns nicht für die Zeit schämen, die wir „verschwendet“ und in der wir „nichts erreicht“ haben. Diese Zeit hat uns wahrscheinlich viel gelehrt; und uns vielleicht mit der Unzufriedenheit ausgestattet, die wir jetzt nutzen können, um unsere Bemühungen zu befeuern. Es hat uns auch näher an unsere ultimative Deadline gebracht und so sichergestellt, dass wir nun die Motivation haben, unsere eigentliche Arbeit zu beenden, bevor unsere Zeit abgelaufen ist.

By The School of Life

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