Warum Paare sich trennen

Will man erklären, warum sich ein Paar getrennt hat, nimmt man typischerweise die Unterschiede in den Blick: ein unsortierter, kreativer Typ stand einer Partnerin oder einem Partner gegenüber, der oder die bestens organisiert war; eine*r der beiden ging gern wandern, der oder die andere hasste es, in der Natur zu sein. Der eine war gesellig, die andere verabscheute Parties. Kein Wunder also, dass die beiden auseinandergegangen sind.

Diesem Erklärungsversuch liegt ein weit verbreitetes Missverständnis zugrunde. Demnach funktioniert Partnerschaft nur dann, wenn die Partner*innen einander ähnlich sind. Was sie auseinander treibt, sind ihre Unterschiede. Moderne Datingportale zeigten, wie einflussreich diese Liebestheorie ist. Auf der Suche nach dem „passenden“ Partner durchkämmten sie lange Zeit ihre Datenbanken, um uns auf Teufel komm raus mit jemandem zu matchen, der unseren Geschmack, unsere Interessen und unsere Haltungen teilt. Je geringer die Unterschiede sind, so war die Vorstellung, desto wahrscheinlicher klappt es mit der Beziehung.

Das klingt plausibel, ist es aber nicht. Denn kaum ein Paar trennt sich wegen der Unterschiede, die zwischen den Partner*innen bestehen. Man trennt sich, weil man es satt hat, vom anderen nicht gehört zu werden. Ein Paar kann über tausend Dinge uneins sein – etwa, wie häufig man Sex haben oder wie gesellig die Abendgestaltung sein sollte – und trotzdem zusammen bleiben. Ein anderes wiederum stimmt vielleicht in fast jeder Hinsicht überein, gesteht sich aber nicht ein, dennoch aneinander vorbeizuleben – und trennt sich.

Der falsche Umgang mit Differenzen kann unsere Partnerschaft zum Untergang verdammen ...

Ausschlaggebend für den Erfolg einer Liebesbeziehung ist letztlich nicht, ob überhaupt Unterschiede bestehen, sondern wie wir mit Unterschieden umgehen: Ob mit Neugier, Demut, der Bereitschaft zur Veränderung und der Fähigkeit, einander zu verzeihen; oder ob mit Abwehr, Trotz und Rückzug – was die Partnerschaft zum Untergang verdammt.

Wir wissen, dass totale Übereinstimmung nicht Basis der Liebe sein kann. Das wäre schon rein logisch unmöglich. Der Anspruch auf absolute Ähnlichkeit steigert sich unweigerlich ins Absurde. Zwei Menschen, die gern lesen, Sudokus machen, die thailändische Küche, Eishockey und die Musik von Joni Mitchell mögen, verlieben sich vielleicht leidenschaftlich ineinander, werden aber zunehmend sauer, wenn sie feststellen, dass der andere lieber tanzen geht als sich mit dem Untergang von Byzanz zu beschäftigen.

Wir haben grotesk genaue Vorstellungen davon, wie unser*e Partner*in sein soll

Die Versuchung ist groß: Wir versuchen Reibung zu vermeiden, indem wir unsere Suchkriterien immer weiter verfeinern und alle potenziellen Partner*innen kategorisch ausschließen, deren Interessen und Vorlieben sich von den unsrigen unterscheiden. Aber das macht alles nur noch grotesker. Am Ende suchen wir dann eine*n Partner*in, der oder die gern Stand Up Paddling macht und die Romane von Karl Ove Knausgard liest, nur veganen Brotaufstrich mag und ein ausgeprägtes Talent hat, Schranktüren leise zu schließen.

Doch auch Partner*innen, die perfekt miteinander matchen, prügeln sich irgendwann über die Farbe ihrer Schlafzimmervorhänge, den Vornamen des gemeinsamen Kindes oder die Frage, ob Kernkraft doch eine umweltfreundliche Alternative ist. Früher oder später stoßen wir garantiert auf Unterschiede.

Wir wollen hören: "Ich denke darüber nach; vielleicht muss ich mich ändern."

Doch wie sollten wir mit den Unterschieden umgehen? Geraten wir mit unseren Partner*innen in Konflikt, würden wir am liebsten folgende Sätze hören: Ich verstehe, was du sagst; ich denke darüber nach; vielleicht muss ich mich ändern. Anders gesagt: Wir brauchen das Gefühl, dass bestehende Differenzen wahrgenommen und respektiert werden.

Im Idealfall akzeptieren unsere Partner*innen unsere Ansichten vielleicht nicht völlig, wissen aber, woher sie kommen und möchten mehr über uns erfahren. Sie sind darüber im Bilde, was uns wichtig ist, respektieren uns zutiefst und wischen eine unbequeme Angelegenheit nicht einfach vom Tisch. Und wenn wir freundlich Kritik üben, streiten sie das Gesagte weder rundheraus ab, noch werden sie wütend, oder drehen sie den Spieß um und behaupten, das Problem hätte ganz allein mit uns zu tun, wir seien gemein, wir seien komisch, nicht sie!

Sie neigen kein bisschen dazu, zum Gegenangriff überzugehen und uns vorzuwerfen, dass sie einen sehr harten Tag hatten und unsere Mäkeleien das Fass endgültig zum Überlaufen bringen. Unsere Partner*innen sind auch nicht beleidigt, sie vergreifen sich nicht im Ton und brechen über einem kleinen Konflikt nicht zusammen. Stattdessen leben sie in manchen Momenten geradezu auf bei dem Gedanken, sich ändern oder entwickeln zu müssen. Sie erwarten nicht, für das geliebt zu werden, was sie gerade sind; und sie respektieren, dass wir als ihre Partner*innen wesentliche Aspekte ihrer Psychologie ziemlich gut im Blick haben – Aspekte, mit denen sie sich durchaus auch mal beschäftigen könnten.

Was die Liebe dagegen auch dann sukzessive zerstört, wenn Paare ganz besonders gut zusammen zu passen scheinen, ist das Gegenteil all dessen: eine Haltung der Abwehr. Die Weigerung, zuzuhören und zu ertragen, dass der*die Partner*in gerade etwas sagt, das von verzweifelter Wichtigkeit ist und mit Wohlwollen und einer gewissen Toleranz aufgenommen werden sollte.

Unverstandener Frust tötet die Liebe

Nicht Frust tötet die Liebe, sondern die Art und Weise, wie Frust verstanden wird – oder unverstanden bleibt. Ein Paar, dessen Sexleben hochgradig dysfunktional ist, kann damit so geschickt umgehen, dass fehlender Sex niemals zum Trennungsgrund wird. Vielleicht hat das Paar nur einmal in den vergangenen fünf Jahren miteinander geschlafen, ist aber so gut darin, die Ursachen zu erforschen, die eigenen Gefühle zu erklären und die Perspektive zu wechseln, dass selbst eine schwerwiegende Unstimmigkeit nicht die Macht hat, das Fundament der Beziehung zu zerstören.  

Abwehr ist der entscheidende Grund, warum Partnerschaften zerbrechen. Die Unfähigkeit, gnädig anzuhören, was uns der andere Mensch mitzuteilen hat. Der trotzige Stolz, in den wir flüchten. Das Leugnen. Dabei ist kaum ein sexuelles Problem so groß, dass man unbedingt gehen muss. Und die allerwenigsten Unterschiede im Sozialverhalten oder Einrichtungsgeschmack sind ernst genug, um eine Liebesbeziehung zwangsläufig zu ruinieren. Schrecklich ist dagegen, wie wenig wir einander zuhören!

Der oder die Liebende, nach dem*der wir uns verzehren, ist kein Mensch, mit dem wir Geschmack und Interessen bis in Kleinste teilen. Er oder sie ist die freundliche Seele, die gelernt hat, Differenzen aufrichtig und ohne Abwehr und Ungeduld mit uns auszuhandeln.

 

Recent entries