Warum wir in Beziehungen zu Monstern werden

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Dem gängigen Liebesideal zufolge sind wir zu unserem Partner freundlicher als zu jedem anderen Menschen. Schließlich haben wir ihn ausgesucht, weil er uns so gut gefiel. Da werden wir in der Beziehung bestimmt so sanft und einfühlsam sein, wie wir nur können, viel netter beispielsweise als zu unseren Freunden. Die mögen wir, dem Partner aber gehört unsere Liebe.

Die Realität sieht verblüffend und ernüchternd anders aus. Wenn alles planmäßig verläuft, werden die meisten Menschen in einer Beziehung quasi zu Monstern und sind zu ihrem Partner wesentlich weniger freundlich als zu zahlreichen anderen Leuten, wie sich aus der Haltung des Liebesrealismus heraus schnell erkennen lässt.

Wie erklärt sich das miese Verhalten? Erstens steht eine Menge auf dem Spiel, nämlich unser ganzes Leben. Freunde sind hin und wieder einen Abend lang mit uns zusammen, da beschränkt sich das Konfliktpotenzial meist auf die Suche nach einem halbwegs akzeptablen Restaurant. Der Partner dagegen spielt, wenn sich alles gut entwickelt, in einem der großartigsten und kompliziertesten Vorhaben mit, das wir je in Angriff nehmen werden. Denn immerhin bitten wir ihn, unser Geliebter, bester Freund, Vertrauter, Betreuer, Finanzberater, unser Chauffeur, Erzieherkollege, Begleiter in der Öffentlichkeit und Sexualpartner zu werden. Einen eigenen Haushalt gründen, Kinder großziehen, das Geld der Familie verwalten, die alten Eltern pflegen, die berufliche Karriere planen, in Urlaub fahren und die eigene Sexualität erkunden – alles soll gemeinsam mit ihm geschehen. Die Jobbeschreibung ist so lang und anspruchsvoll, dass auf dem normalen Stellenmarkt kein Mensch auch nur einen Bruchteil des Geforderten leisten könnte. Ein guter Partner muss eine Mischung aus Therapeut, Arzthelfer, Lehrer, Wirt, Koch, Krankenpfleger und ständigem Begleiter sein. Der Heiratsantrag erweist sich schnell als eine schier übermenschliche Anforderung, die wir an einen Menschen, für den wir nur das Beste wollen, nicht stellen sollten.

Obendrein kann man den Partner in einer auf Dauer angelegten Beziehung nicht einfach entlassen oder davonlaufen, wenn es schwierig wird. Viele frustrierende Situationen werden wesentlich erträglicher, wenn wir wissen, dass wir uns ihnen entziehen können, ohne allzu schwerwiegende Sanktionen befürchten zu müssen. In einer Langzeitbeziehung dagegen muss ein aktuell aufgekommenes Reizthema unter Umständen jahrzehntelang ertragen werden. Ein Problem, das niemanden zwangsläufig zur Weißglut bringen müsste (das Handtuch auf dem Boden, die verspätet erfolgte Reaktion, das Kaugeräusch), kann große Angst auslösen, wenn wir zu der Überzeugung gelangen, es würde nun mehr oder weniger ständig zu dem einen Leben gehören, das uns auf Erden vergönnt ist. Dass wir während eines Streits mit dem Partner immer mehr in Erregung geraten, liegt an dem schlichten, aber hoch- explosiven Gedanken, den wir ständig im Hinterkopf haben: dass der andere nicht nur etwas in unseren Augen Problematisches getan, sondern geradezu unser Leben ruiniert hat.

Im Umgang mit unseren Freunden werden wir nur deshalb nicht zu Monstern, weil sie uns nicht annähernd so schaden können. Wir verbringen kaum mehr als ein paar Stunden im Monat mit ihnen und können dabei immer nett sein, weil uns nicht ganz so viel an ihnen liegt. Um einen Menschen anzubrüllen, Türen knallend zu verlassen oder als beschissenes Arschloch zu bezeichnen, muss er uns ungemein wichtig sein.

Zu Monstern werden wir auch deshalb, weil wir, erregt wie wir sind, nicht klar und ruhig sagen, was wir nicht in Ordnung finden, sondern die Fassung verlieren, zu schreien beginnen, schmollen und hadern. Im Idealfall informieren wir den Partner über die eigenen Gefühle und teilen ihm detailliert mit, warum wir etwas so oder so sehen. Das erfordert allerdings eine gelassene Sachlichkeit, die wir kaum aufbringen, wenn wir in Panik geraten, weil der Partner angeblich unser Leben zerstört hat. Irgendwann beunruhigen uns unsere Beziehungsprobleme so sehr, dass wir nicht einmal mehr ansatzweise herausfinden können, wie sie zu lösen wären.

Zu Monstern werden wir aber auch deshalb, weil wir uns einbilden, es würde sich mit uns im Großen und Ganzen recht unkompliziert leben. Aufgrund dieser Fehleinschätzung bereiten wir den Partner weder auf die drohenden Auseinandersetzungen mit uns vor noch entschuldigen wir uns bereitwillig genug für Verletzungen, die wir ihm zufügen. Wir verfallen dem Irrglauben, völlig normal zu sein, weil wir als Single die eigenen Schwachpunkte nur schwer erkennen. Da wir als Alleinstehende nicht zu brüllen beginnen, wenn wir wütend sind – es hört ja niemand zu –, schätzen wir unser Aggressionspotenzial völlig falsch ein. Oder wir arbeiten ständig, ohne uns bewusst zu machen, dass dies der manische Versuch ist, sich Kontrolle über das eigene Leben vorzugaukeln, weil uns niemand anruft und zum Essen einlädt – und dass der Teufel los wäre, wenn uns jemand daran hindern würde.

Erst in Langzeitbeziehungen kommen unsere problematischen Seiten mit den Bedürfnissen und Erwartungen eines anderen in Berührung – und kollidieren damit. Natürlich wird dann dem Partner vorgeworfen, besonders schwierig zu sein. Selbstgerecht halten wir uns für einen relativ vernünftigen und psychisch stabilen Menschen, mit dem es sich durchaus gut zusammenleben ließe, würden wir nur den richtigen Partner finden.

Erschreckenderweise behandeln wir den Partner auch deshalb schlecht, weil wir uns in Sicherheit wiegen. Wären wir unseren Freunden gegenüber so unbeherrscht, würden sie ziemlich schnell Gründe vorschieben, um sich nicht mehr mit uns treffen zu müssen. Beim Partner aber sind wir insgeheim immer zuversichtlich, dass er uns trotz unserer ständigen Reizbarkeit nicht verlassen wird. Seine Loyalität macht ihn zum dankbaren Ziel unserer Not und Verzweiflung. Die Liebe gibt uns die Sicherheit, ihm zeigen zu können, wer wir wirklich sind – ein Privileg, das wir kluger- und netterweise niemals überstrapazieren sollten.

Um die Selbstgerechtigkeit und Wut nach und nach ablegen zu können, müssen wir akzeptieren, dass wir nicht etwa mit einem außergewöhnlich unfähigen Menschen zusammengekommen sind, sondern etwas außergewöhnlich Schwieriges zu bewerkstelligen versuchen. Nicht der Partner ist schuld, sondern die Aufgabe.

Außerdem sollten wir uns weniger auf den eigenen Charakter einbilden und erkennen, dass das Leben mit uns sehr wohl schrecklich schwer ist. Nur hat uns das bisher keiner gesagt, weil wir dazu niemandem wichtig genug waren. Unsere Freunde sahen dazu keinen Anlass, und unsere Eltern waren unseren Fehlern gegenüber blind – was aber nicht heißt, dass wir ein Muster an Vollkommenheit wären. Wer immer uns aus der Nähe erlebt, wird unweigerlich Anstoß an uns nehmen.

Zum Glück muss in der Liebe niemand perfekt sein. Erforderlich ist nur, dass wir unsere Unzulänglichkeiten frühzeitig und ohne Selbstgefälligkeit mitteilen, bevor wir den Partner mit unseren Macken allzu sehr kränken. Wer ist schon besser als der Durchschnitt? Die meiste Zeit über verhalten wir uns dumm und nicht besonders nett. Schlechtes Benehmen ist kein Fehltritt, sondern zeigt, dass auch wir nur Menschen sind.

Dieser Text ist ein Kapitel aus dem Buch von The School of Life "Partnerschaft erschienen im Verlag Süddeutsche Zeitung Edition. Preis 18 €. Das Buch ist erhältlich in unserem Shop in der Lychener Str. 7 in Berlin, bei SZ Edition und natürlich im Buchhandel.  

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