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Wie wir uns ehrlicher streiten

Wie wir uns ehrlicher streiten

Von Langzeitbeziehungen versprechen wir uns Glück und Erfüllung. Allerdings ist es, statistisch gesehen, ziemlich wahrscheinlich, dass wir bis zu zehn Prozent unserer Zeit als Paar mit Streitereien verschwenden – und diese Streitereien können es in sich haben.

Jeder Streit scheint einmalig: Er kocht an einem bestimmten Punkt hoch und kreist um sehr konkrete Ungerechtigkeiten und Dummheiten. Munter leistet unser*e Partner*in Widerstand gegen Dinge, die sich eigentlich von selbst verstehen. Was für eine absurde Zumutung, dass die andere Person erst um 19.23 Uhr fertig ist, wo man sich doch bereits vor zwei Stunden geeinigt hat, nicht nach 19.10 Uhr loszugehen! Welch ein Blödsinn, dem Jüngsten noch mehr Bildschirmzeit zu gewähren, obwohl er sein Konto längst überzogen hat! Und wie illoyal, lautstark in das Gelächter der angeheirateten Schwägerin einzustimmen, die unser Familientreffen durch den Kakao zieht!

Angesichts solcher Untaten verhalten wir uns wie ambitionierte Jurist*innen: Eifrig sammeln wir Beweise und verkünden feierlich, der/die Partner*in möge seine*ihre Haltung doch bitte auf der Basis wichtiger Erkenntnisse überdenken und sich unserer Perspektive anschließen. Die erste Runde der Auseinandersetzung mag friedlich verlaufen, aber in Runde zwei und drei kumulieren Provokationen und Rachegelüste. Der Ärger wächst, und manchmal, wenn ein starkes Argument am Starrsinn des oder der anderen zerschellt, heben wir die Stimme, Röte steigt ins Gesicht, und wir überziehen denselben Menschen, in dessen Hände wir unser Leben gelegt und den wir in unserem Testament bedacht haben, mit wüstesten Beschimpfungen. Türen knallen. Eine düstere Stimmung senkt sich auf uns herab, die sich nur langsam, vielleicht in zwei Tagen, wieder lichtet.

WIR ÜBERZIEHEN DENSELBEN MENSCHEN, IN DESSEN HÄNDE WIR UNSER LEBEN GELEGT HABEN, MIT WÜSTESTEN BESCHIMPFUNGEN

Das ganze Theater ist so entmutigend und peinlich, dass wir dazu neigen, anderen gegenüber nichts davon zu erwähnen. Und weil auch unsere Freunde und Bekannte ihre Beziehungsquerelen verschweigen, fühlen wir uns noch einsamer und beschämter. Anstatt offen zu bekennen, dass der Mensch, den wir lieben, gerade unser Leben ruiniert, erzählen wir bestenfalls, wir hätten uns ein wenig gekabbelt.

Dabei ist unser eigentlicher Irrtum dieser: Wir glauben, einen Streit beilegen zu können, wenn wir uns auf objektive Tatsachen verständigen. Kommt die Wahrheit zum Tragen, so unsere Hoffnung, ist das hitzige Gefecht beendet. Aber leider haben Beziehungsstreitigkeiten eine unglückselige, letztlich paradoxe Eigenschaft: Die Wahrheit ist ihnen schnurzegal! Wer die besseren Argumente hat, ist ganz und gar nebensächlich, wer gewinnt, völlig bedeutungslos. Denn in einem Streit verlangen wir von unserem Gegenüber eigentlich nur eins: Wir wollen hören, dass wir geliebt werden.

Wir streiten nicht deshalb so erbittert, weil wir – wie Rechtsanwält*innen vor Gericht – um die objektive Wahrheit ringen, sondern weil wir so unendlich leiden. Unsere Beziehung hat uns, was unvermeidlich ist, voneinander abhängig und verletzlich gemacht. Wonach wir uns in unserem wütenden Redestrom sehnen, ist Rückversicherung. Wir nennen den anderen ein A…loch, statt ihn unter Tränen zu fragen, ob er uns noch liebt und warum er uns, wenn dies der Fall ist, so sehr verletzt hat.

Anstatt uns unablässig an kleineren Delikten abzuarbeiten, sollten wir lernen, Einspruch zu erheben und mit einem der folgenden sechs Sätze direkt zum emotionalen Kern des Konflikts vorzustoßen:

  • Ich habe das Gefühl, dass du mich nicht wertschätzt.
  • Ich fühle mich verlassen.
  • Ich habe das Gefühl, nicht gut genug zu sein.
  • Ich habe das Gefühl, du versuchst mich zu kontrollieren.
  • Ich habe das Gefühl, du akzeptierst mich nicht so, wie ich wirklich bin.
  • Ich fühle mich ungesehen und ungehört.

Sollte es uns unmöglich sein, diese Worte herauszubringen, könnten wir die Liste einfach an die Kühlschranktür heften und stumm darauf zeigen, wenn wir den Gipfel einer Auseinandersetzung erreicht haben. Anstatt einen der üblichen Stellvertreterkriege zu führen, könnten wir preisgeben, was hinter unserem Ärger steckt. Wir könnten zum Beispiel sagen: „Wenn du dich bei einer Verabredung verspätest, fühle ich mich nicht gesehen und nicht gehört.“ Oder: „Wenn du mir vor meiner Familie widersprichst, fühle ich mich im Stich gelassen.“

WIR HABEN ANGST, VERLETZT ZU WERDEN VON DEM MENSCHEN, DEN WIR VEREHREN, ABER NICHT KONTROLLIEREN KÖNNEN

Folgen wir der üblichen Streitlogik, ist nur sicher, wer zurückschlägt. Dabei können wir uns in der Liebe viel sicherer fühlen, wenn wir uns verletzlich zeigen. Denn nur dann begegnet man uns mit Zuneigung, vielleicht sogar: Reue. Die beste Strategie ist darum nicht, sich unangreifbar zu machen, sondern zu wagen, sich ein kleines bisschen weniger gut zu schützen und zu verteidigen.

Meinungsverschiedenheiten zwischen Partner*innen entstehen zwar über alles Mögliche. Aber in einem handfesten Streit – jener erhitzten Auseinandersetzung, die in Beleidigungen und Türenknallen gipfelt – geht es immer nur um eines: Die Angst, verletzt zu werden von dem Menschen, den wir verehren, aber nicht kontrollieren können.

Es mag so aussehen, als stritten wir um Pünktlichkeit, Ordnung oder die bestmögliche Kindererziehung. Aber in Wirklichkeit fechten wir einen Kampf aus um das katastrophale Gefühl des Verlassenseins. Behalten wir das im Kopf, sparen wir möglicherweise sehr viel Zeit, vielleicht vier Stunden oder mehr pro Woche, die wir in Gartenarbeit stecken könnten oder in das Erlernen einer Fremdsprache oder in die Unterstützung älterer Menschen. Es gäbe viel weniger Dinge, über die man in Rage geraten und einander anschreien müsste und so viel mehr Aufregendes zu tun…

By The School of Life

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