Das Geheimnis unserer Partnerwahl

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Eine große Einschränkung in unserem Beziehungsleben ist, dass wir nicht frei wählen können, zu wem wir uns hingezogen fühlen. Jeder von uns scheint eine sehr spezielle, innere Checkliste mit sich herumzutragen, auf der steht, welche Typen wir attraktiv finden und welche Charaktereigenschaften sie aufweisen müssen, damit wir sie lieben können. Man könnte meinen, diese persönliche Liste sei auf positive Eigenschaften ausgerichtet. So müssten unsere potentiellen Geliebten charmant, verständnisvoll und intelligent sein und unserem sozialen Umfeld entsprechen. Aber genauer betrachtet ist diese Liste meist weitaus komplexer und ernüchternder. So können wir den Fehler machen, alle interessierten, potentiellen Kandidaten und Kanidatinnen als langweilig, zu gewöhnlich oder irgendwie einfach falsch abzustempeln, und dabei geradewegs auf Leute zuzusteuern, die nicht sonderlich zu unserem Glück beitragen. Beispielsweise kann es uns passieren, dass wir uns in Menschen verlieben, die unverlässlich, verletzend oder lieblos sind. Das kann für uns und die, die uns am nächsten stehen, manchmal sehr verwirrend sein. Warum können wir uns nicht einfach auf die Menschen einlassen, die schlichtweg gut für uns sind?

Ein Grund dafür ist, dass wir in der Liebe nicht zwingend nach jemandem suchen, der liebevoll und umgänglich ist, sondern nach jemandem, der sich vertraut anfühlt. Das Lieben wird uns in der Kindheit beigebracht, von Menschen, die uns in vielerlei Hinsicht auch Schwierigkeiten bereitet haben. Unsere frühesten Bezugspersonen zeigen uns, wie es sich anfühlen sollte, geliebt zu werden und Liebe zu empfinden, und prägen unsere Partnerwahl somit bis in das Erwachsenenalter unbewusst weiter.

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1) Die Verknüpfung von Schmerz und Vertrautheit

Stellen wir uns eine Eltern-Kind-Beziehung vor, in welcher ein Elternteil kalt und kontrollierend agierte, das geringschätzig und nie wirklich anwesend war. Es ist grausam, und doch scheinen dies Eigenschaften sein, die später in einer Partnerschaft wieder in Kauf genommen werden.

Warum wir jemals etwas wiederholen sollten, das in der Kindheit sehr unangenehm für uns war? Weil trotz der Tatsache, dass es schreckliche Beziehungen waren, dennoch Liebe in ihnen gewesen sein muss. Möglicherweise gab es emotionale Verletzungen, aber eben auch ein gewisses Maß an Anerkennung, Verbundenheit und sogar Zärtlichkeit. Ein Elternteil würdigte uns kaum, aber diese Eigenschaften fühlten sich auch bekannt und einschätzbar an. Das kann dazu führen, dass sich eine Beziehung mit einem anderen Menschen komischerweise einfach nicht richtig anfühlt, solange sie nicht auch zu einem gewissen Grad schmerzhaft ist. Sie ist vielleicht nicht einfach oder sorgenfrei, aber fühlt sich unwiderstehlich vertraut an.

2) Das Übernehmen verletzender Verhaltensweisen

Erinnert man sich genauer an die Situationen in der Familie, die man als verletzend empfand, stellt man mitunter auch fest, dass man am Ende genau dieselben Verhaltensweisen übernommen hat. Auch wir demütigen, kommandieren herum, sind kalt oder nutzen die Schwächen des Gegenübers aus, ganz so, als dächte ein primitiver Teil von uns, der einzige Weg, nicht verletzt zu werden, sei der, selbst der Verletzende zu sein. Aus einer kindlich emotionalen Perspektive erscheint der Mensch, der sich missbräuchlich verhält, das komplette Gegenteil der eigenen Person zu sein. Seine Position lässt jedoch auch ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle vermuten, welches man sich selbst in einer Beziehung wünscht.

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3) Die negative Besetzung positiver Eigenschaften

Wenn uns unsere Eltern Probleme bereiten, wollen wir dem häufig so dringend entkommen, dass wir auch die Charaktereigenschaften ablehnen, die möglicherweise gut waren und nichts mit den eigentlichen Schwierigkeiten zu tun hatten. Eine Mutter könnte zum Beispiel abschätzig, aber sehr intelligent gewesen sein - nun schreckt uns bedauerlicherweise jede Person ab, die intelligenter ist als man selbst. Wir hatten vielleicht immer das Gefühl, der Vater würde offene, lockere Sexualität verurteilen, besonders die unsere, aber er war gleichzeitig immer warmherzig und zärtlich. Jetzt gehen wir unbewusst davon aus, dass wir mit Personen, die warmherzig und sanft sind, keine erfüllte Sexualität teilen können. Und so meiden wir Menschen mit diesen guten Eigenschaften.

Selbsterforschung als Ausweg aus alten Mustern

Es ist schwer, unsere inneren "Landkarten der Liebe" zu überblicken. Sie sind nicht selbsterklärend, wir müssen uns also bemühen, sie lesen zu lernen, sodass wir uns von ihrer Kontrolle befreien können. Die Erforschung beginnt, wie immer, bei dem Versuch, uns selbst besser zu verstehen. Worunter habe ich in den Beziehungen mit frühesten Versorgern gelitten? Werde ich nun von diesen schlechten Eigenschaften angezogen? Lasse ich andere unter dem leiden, was mich in meiner Kindheit selbst verletzt hat? Meide ich bestimmte Menschen, weil sie Eigenschaften haben, die ich von denen kenne, die mir früher das Leben schwer machten? Könnte ich in anderen nur die positiven Eigenschaften sehen, ohne jene, die ich fürchte?

Selbstreflektion kann die Anzahl derer vergrößern, in die wir uns verlieben können. Wir lernen das Lieben in der Kindheit, aber wir können uns von der frühen Prägung befreien, wenn wir verstehen, dass wir auf verschiedene Arten lieben können. Und somit gewöhnen wir uns an etwas, das zunächst vielleicht unheimlich und extrem unvertraut ist: mit jemandem glücklich zu werden, der zu uns passt und vollkommen gut für uns ist.

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