Wie man nicht zu viel schimpft

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Es passiert leider immer wieder im Leben, dass wir im Laufe eines Abends oder bei einer Party irgendwo in der Küche in die Fänge eines Menschen geraten, der eine feste Meinung zu irgendeinem Thema hat – oder, umgangssprachlicher ausgedrückt: der uns total langweilt. Langeweiler können von allem Möglichen besessen sein: Sie machen sich vielleicht große Sorgen um die Grammatik (und darüber, dass der Konjunktiv immer häufiger falsch verwendet wird), oder sie glauben, dass die Architektur der Moderne den Menschen von sich selbst entfremdet hat; sie sind entsetzt über die rücksichtslose Form des modernen Kapitalismus oder empören sich über das Gemecker der Umweltbewegung. Sie könnten auch den Feminismus hassen, oder sie wittern, ganz im Gegenteil, überall Frauenfeindlichkeit.

Langweiler sind nicht unbedingt auf dem falschen Dampfer (sie haben mit ihrer Argumentation in vielen Punkten recht), aber das Unbehagen, das wir in ihrer Anwesenheit verspüren, rührt von der Heftigkeit und Unerbittlichkeit ihres Verhaltens her. Wir sehnen uns danach, dass sie einfach mal zum Ende kommen und wir die Chance haben, uns davonzumachen. Ein Grund, warum Langweiler uns so langweilen, ist der, dass sie nicht vollkommen ehrlich mit uns sind und dass wir das spüren. Natürlich sind sie aufgebracht – aber die wirklichen Gründe dafür verraten sie nicht. Wir spüren mitten in ihren Ausführungen, dass ihre Hitzigkeit sich aus einer Quelle speist, die mit dem Thema nichts zu tun hat. Sie betonen möglicherweise eine ganze Reihe von bewusst unpersönlich gehaltenen politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Punkten, aber uns ist intuitiv klar, dass dahinter eine persönlichere Geschichte stecken muss, sorgfältig abgeschirmt vor uns, ebenso wie vor ihrem eigenen Bewusstsein.

Es ist allgemein wahr und in keiner Weise beschämend, dass die Dinge, mit denen wir uns scheinbar objektiv kritisch befassen, oft aus einer persönlichen Verletzung hervorgegangen sind, die schon vor langer Zeit stattgefunden hat. Sie zu enthüllen und darüber zu sprechen wäre peinlich. Vielleicht ist unser Vater, als wir noch klein waren, arbeitslos geworden, weil sein Unternehmen die Produktion nach Südostasien verlegt hat. Die Abfindung war relativ großzügig, aber die Schande für die Familie ungeheuer groß. Oder wir sind bei einer Beförderung mehrmals übergangen worden, und verantwortlich dafür war ein junges und auffällig modernes Management-Team mit einem besonderen Interesse an zeitgenössischem Design. Möglicherweise gab es da mal eine Frau, die wir toll fanden und die ihre Doktorarbeit über die Genderforschung von Julia Kristeva geschrieben hat. Sie schien durchaus an uns interessiert, ist aber dann zu einem anderen gegangen. Solche Dinge beschäftigen uns noch eine ganze Weile. Wir denken nicht gerade gern an diese Vorfälle, ganz zu schweigen davon, dass wir einer Partybekanntschaft davon erzählen würden, und doch sind sie noch immer in uns lebendig und suchen nach einer Möglichkeit, in irgendeiner Verkleidung ans Licht zu kommen. Aber alles, was wir auf der bewussten Ebene herauslassen, ist: Der Kapitalismus ist das ausbeuterischste und am wenigsten nachhaltige Wirtschaftssystem, das je erdacht wurde; die Architektur der Moderne hat auf schändliche Weise die Vornehmheit der klassischen Tradition vergessen, wie sie in den Bauten von Bramante und Schinkel zum Ausdruck kommt; und Feministinnen sind darauf aus, die Grundlagen der männlichen Erwerbskraft in den hoch entwickelten Wirtschaften systematisch zu zerstören.

Wenn wir auf solch leidenschaftliche Ansichten stoßen, ist es nicht so, dass wir lieber weniger hören würden, ganz im Gegenteil: Wir würden eigentlich gern mehr hören! Aber es müsste in eine andere Richtung gehen, nämlich nach innen statt weiter in die soziokulturelle und wirtschaftliche Abstraktion. Nicht, weil wir private Enthüllungen herauskitzeln wollen, sondern weil das gesellschaftliche Leben von dem Wunsch geprägt ist, die Lebenswelt anderer Menschen kennenzulernen – und genau das wird uns hier auf merkwürdige Weise verwehrt. Unsere Langeweile ist im Grunde die ungeduldige Verstimmung darüber, dass wir von den tatsächlichen Traumata eines anderen Lebens ferngehalten werden.

Langweiler sind nicht immer nur die anderen – in bestimmten Bereichen sind wir es durchaus auch selbst. Wenn wir unsere Vorstellungen einmal kritisch überprüfen, laufen wir alle Gefahr, zu entdecken, dass einige unserer Anliegen ihre Intensität persönlichen Erfahrungen verdanken, die schwierig auszumachen sind und bei denen es uns erschreckend schwerfällt, sie uns einzugestehen. Auf Basis dieser Erkenntnis sollten wir uns überlegen, wie wir in Zukunft auf die Monologe übereifriger Menschen reagieren. Die Herausforderung besteht darin, uns nicht Hals über Kopf in das Thema zu werfen, um das es hier nur scheinbar geht. Stattdessen sollten wir versuchen, die Unterhaltung sanft von ihrem offiziellen Ziel hin zu den Ursprüngen zu lenken.

Wir könnten zum Beispiel mitfühlend fragen, wann dieses Problem zum ersten Mal aufgetreten ist und ob es da möglicherweise noch eine persönlichere Verbindung gibt. Selbst wenn es nie so weit kommt – das Wissen um die Beschaffenheit einer solchen Problematik sollte uns zur Vorsicht mahnen, Menschen mit festen Meinungen nicht in ein allzu langwieriges Streitgespräch zu verwickeln. Es hat keinen Sinn, alle Punkte aufzuzählen, warum der Kapitalismus nicht das schlechteste System ist, das je erdacht wurde, warum die moderne Architektur durchaus ihre Höhepunkte hat und warum der Feminismus nach wie vor nötig ist. Das ist, als würde man glauben, der Zorn des anderen würde sich nur aufgrund von ein paar klugen Ideen auf wundersame Weise auflösen. Ein freundlicher Gesprächspartner ist hier eher auf mitfühlende Art pessimistisch. Er nimmt zur Kenntnis, dass die Wurzeln bestimmter Überzeugungen irgendwo tief verborgen liegen, in verängstigten und verunsicherten Teilen einer Psyche, und dass es nicht besonders wahrscheinlich ist, sie außerhalb einer Psychotherapie offen- legen zu können. Wir wissen durchaus, dass es herablassend klingt, Menschen so zu behandeln, als seien sie sich ihres Selbst weniger bewusst, als sie es von sich selbst annehmen. Was wir dabei außer Acht lassen, ist, wie nett es von uns ist, dass wir überhaupt im Hinterkopf behalten, welch komplizierte Rolle verleugnete persönliche Verletzungen bei unseren hitzig vertretenen Meinungen spielen. Man kann nur hoffen, dass andere uns denselben Gefallen tun, wenn wir uns das nächste Mal dabei erwischen, lange, leidenschaftliche Reden zu schwingen, zum Beispiel darüber, dass sich immer weniger Leute bei der Begrüßung die Hand geben, über die Kolonisierung von Ecuador oder über den Niedergang der Sprache.

 

Dieser Blogeintrag ist ein Auszug aus dem Buch "Freundlichkeit-eine vergessene Tugend", erschienen bei Süddeutsche Zeitung -Edition. Preis: 16€ inkl. MwSt. Zu kaufen bei The School of Life, Lychener Str. 7, 10437 Berlin oder online hier:

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