Was wir uns wirklich alle wünschen

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Oft sind wir in Situationen, in denen wir anderen helfen möchten und freundlich zu ihnen sein wollen, aber nicht genau wissen, was sie brauchen. Wir möchten unsere Verbindung zu ihnen vertiefen und ihnen nützlich sein und dennoch haben wir kein wirkliches Verständnis dafür, was wir ihnen sinnvollerweise anbieten könnten; ihr Verstand erscheint undurchdringlich, ihre Probleme undurchsichtig.

In solchen Momenten würde es uns gut tun, uns daran zu erinnern, dass wir alle eine Superkraft besitzen; eine Fähigkeit, den Menschen etwas zu geben, von dem wir sicher sein können, dass sie es grundsätzlich brauchen, basierend auf einer grundlegenden Einsicht in die menschliche Natur: dass wir alle ein tiefes Bedürfnis nach Bestätigung haben. Das Leben ist eine mehr oder weniger andauernde Notsituation für alle. Wir werden immer wieder von Zweifeln an unserem Selbstwert heimgesucht, von der Sorge um unsere Zukunft, von vagen Ängsten und Furcht vor Dingen, die wir getan haben, von Schuldgefühlen und von Verlegenheit über uns selbst. Jeder Tag bringt neue Bedrohungen für unsere Integrität mit sich, und abgesehen von sehr seltenen Momenten, in denen wir uns stabil fühlen und die Welt beständig wirkt, begleitet uns fast immer ein Gefühl von Unbehagen. Es spielt keine Rolle, ob man alt oder jung ist, ob man bereits erfolgreich ist oder erst richtig mit dem Leben anfängt, ob man ganz oben ist oder darum kämpft, sich durchzuschlagen; wir können uns auf eine Sache bei jedem, dem wir begegnen, verlassen: Auch sie werden von einem Gefühl der Unsicherheit und, unter einer ausgezeichneten Tarnung, mehr oder weniger stark von Verzweiflung geplagt sein.

Das bedeutet, dass sich die Menschen mehr, als sie womöglich überhaupt bemerken, danach sehnen, dass jemand etwas Beruhigendes zu ihnen sagt; Worte, die ihnen das Gefühl geben, ein Recht auf Existenz zu haben, dass wir etwas Vertrauen in sie haben, dass wir wissen, dass die Dinge für sie nicht immer einfach sind und dass wir - in gewisser Weise - auf ihrer Seite stehen. Auch eine sehr kleine und kaum wahrnehmbare Anmerkung könnte eine sehr entscheidende Auswirkung haben: dass uns etwas Faszinierendes, das sie gesagt haben, nicht mehr aus dem Kopf geht; dass wir wissen, dass die letzten Monate für sie vielleicht nicht leicht gewesen sind; dass wir seit unserem letzten Treffen an sie gedacht haben; dass wir die Art und Weise, wie sie die Dinge angehen, bemerken und bewundern; dass sie eine Pause verdienen und dass sie doch, wie wir sehen können, so viel auf sich nehmen.

Es ist leicht, Bestätigung mit Schmeichelei zu verwechseln. Aber Schmeichelei beinhaltet eine Lüge, um sich einen Vorteil zu verschaffen, während sich Bestätigung dadurch auszeichnet, echte Zuneigung zu zeigen, um einen Menschen aufzubauen. Jedoch meiden wir dies normalerweise aus Verlegenheit. Wir schmeicheln, um Nutzen zu ziehen, wir bestärken, um zu helfen. Darüber hinaus erzählen die, die schmeicheln, ihrem Opfer von dessen Stärken; die, die bestätigen, tun dagegen etwas weitaus wertvolleres: Sie deuten an, dass sie die Schwächen gesehen haben, und dennoch Toleranz und Mitgefühl für sie hegen, weil es ihnen selbst mit ihren eigenen Schwächen ähnlich ergeht.

‘Das wird schon!’; ‘wir alle machen so etwas durch’, ‘dafür musst du dich nicht schämen....’. Die Worte, die wir sagen, um jemanden zu bestätigen, sind nicht neu; sie können die scheinbar banalsten aller Sätze sein, aber wir müssen sie immer wieder hören, weil unser Verstand extrem schlecht darin ist, sich an ihre Kraft zu erinnern. Es handelt sich außerdem um Worte, die viel wertvoller sind und eher hängenbleiben, wenn jemand anderes sie an uns richtet, als wenn wir versuchen, sie selbst zu verinnerlichen.

1425 malte der florentinische Künstler Masaccio eine Darstellung der Vertreibung von Adam und Eva aus dem Garten Eden an die Wände der Florenzer Kirche Santa Maria del Carmine. Wir müssen nicht gläubig sein, um von den entsetzen Gesichtern des verbannten Paares zutiefst berührt zu sein. Und wenn wir davon berührt sind, dann deshalb, weil wir im Grunde genommen eine universelle Form des Leidens sehen - denn wir sind praktisch alle aus dem Reich der Behaglichkeit und des Überflusses vertrieben worden und gezwungen, im Land der Ungewissheit, Demütigung und Trauer zu verweilen. Wir alle sind von Leiden geplagt, wir alle sind bis ins Mark besorgt, sehnen uns nach Ruhe und brauchen dringend Nachsicht und Sanftmut.

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Teil der Verantwortung, in einer Zeit zu leben, die im Großen und Ganzen nicht mehr an die göttliche Bestätigung glaubt, ist, dass wir alle eine Rolle darin spielen - in gewöhnlichen Momenten unseres Lebens - einen Teil dieser Zusicherung an unsere Leidensgenossen weiterzugeben. Wir können nicht immer die genauen Einzelheiten der Leiden anderer Menschen kennen, aber wir können uns von vornherein auf einige wichtige Dinge verlassen: dass sie bis zu einem gewissen Grad an Schmerz und Selbstverachtung leiden, dass bestimmte große Momente nicht richtig gelaufen sind, dass sie Gefühle von Einsamkeit, Angst und Scham erleben und dass es daher einen sehr großen Unterschied machen könnte, wenn wir etwas sagen würden - so bescheiden und unoriginell es auch sein mag - um ihnen ein wenig mehr Bestätigung und Selbstsicherheit mitzugeben.

(Übersetzung des Artikels "What Everybody Really Wants", erschienen in The Book of Life)

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