Wie die Krise uns weiser machen kann

Schwer vorzustellen – aber es wird vorbeigehen. Es geht immer vorbei. Eines Tages wird die Krise, die jetzt unsere Gedanken und die Gesellschaft durcheinander wirbelt, Geschichte sein. Aber sie wird nicht schnell in Vergessenheit geraten. Wir werden zwischen einer Welt unterscheiden, die davor existiert hat – und einer, die danach kam. Ältere Menschen werden den jüngeren berichten, wie die Gesellschaft vorher war und der Kontrast wird Verwunderung und Verwirrung hervorrufen. Wie die Veränderungen genau verlaufen werden, ist noch völlig offen. Es liegt nicht in unserer Macht, die Krise abzuwenden; es liegt jedoch sehr wohl in unserer Hand, herauszufinden was die Krise bedeutet und was langfristig durch sie in die Welt treten wird. Wie bei persönlichen Erfahrungen bergen Zusammenbrüche das Potential in sich, Durchbrüche zu ermöglichen. So kann kann die Krise unseren Blick dafür schärfen, was uns wirklich wichtig ist. Wir können uns jetzt schon fragen, wie wir uns die Welt idealerweise danach wünschen; wovon wir mehr wollen – und wovon deutlich weniger.

 

Wir werden gelernt haben, wovon wir uns mehr wünschen:

 

Möglichkeiten

In der Geschichte fühlt sich der Status Quo meist unverrückbar an. Nichts Neues kann ausprobiert werden, jede provokante Idee wird abgeschmettert. Wir haben es immer so gemacht, und wir werden es auch immer so machen. Visionäre Gedanken, größere Korrekturen an der Art, wie wir die Gesellschaft organisieren, wie wir Arbeiten und wie wir Einkommen generieren, wie wir uns lieben oder für uns sorgen, werden als nicht praktikabele Spinnereien abgetan – der aktuelle Zustand ist unangreifbar. Nur: Er ist es natürlich nicht.

Krisen lassen uns erkennen dass – mit ausreichend Druck und der unbändigen Vorstellungskraft, die aus der Not entsteht – nahezu alles überdacht werden kann: Die Versorgung mit Geld, das Bildungssystem, das Gesundheitssystem, die Unterstützung der Gemeinschaft, Unterhaltung, Freizeit, Liebe. Wir könnten völlig anders leben und in einigen Hinsichten viel erfüllter, glücklicher, freundlicher und effizienter. Über die Jahre haben wir alles über den Stillstand gelernt, was wir darüber wissen müssen. Wenn der Sturm sich erst einmal gelegt hat, haben wir eine Gelegenheit, uns der Möglichkeiten zu erinnern. Nach einem so gewaltigen, nicht vorhersehbaren Schrecken, ist die aktuelle Nichtexistenz einer schönen Idee – wie unrealistisch diese auch erscheinen mag – kein zwingendes Argument mehr gegen ihre Umsetzung.

 

Verwandtschaft

Die alte Welt hat uns eine Menge über uns als Individuen gelehrt: Der Sturm hat uns daran erinnert, dass wir Gruppengeschöpfe sind. Wir haben wieder gelernt, dass keiner von uns überlebt, wenn nicht alle überleben und dass das Wohl einer Gesellschaft vom Schutz und der Sicherheit ihrer am wenigsten geschätzten Mitglieder abhängt. Wir werden lernen, dass es keine Insel gibt, die weit genug weg ist, kein Penthouse, das exklusiv genug ist, kein persönliches Beatmungsgerät das gut genug funktionieren würde, um uns zu retten. Wir werden gelernt haben, dass wir uns, um zu leben, auf das stützen müssen, das uns allen gemeinsam gehört – und dass jede Nation, wie mächtig sie auch erscheint, nur so stark sein kann, wie ihr gemeinschaftliches Fundament.

 

Dienen

Wir lernen erstaunlicherweise, dass wir gar nicht so grundlegend an uns selbst interessiert sind. Dass es etwas viel Verlockenderes und Befriedigenderes gibt als individuellen Stolz. Wir werden von den Freuden gelernt haben, die der Dienst an anderen mit sich bringt. Wir lernen, einem Drang Anerkennung zu geben, der bisher schüchtern in uns begraben lag: Der Wunsch, Fremden zu helfen.

 

Liebe

Wir werden gelernt haben, wie anstrengend es ist, die Erfüllung all unserer Bedürfnisse von nur einer einzigen, ganz speziellen anderen Person zu erwarten, von der wir gehofft hatten, sie könne alle anderen überflüssig machen. Wir werden Romantizismus überwunden haben, und eine offenherzigere, weniger besitzergreifende Form von Liebe entdeckt haben: Eine Liebe für Freund*innen, Nachbar*innen, Kolleg*innen und alle anderen verletzlichen, leidenden Mitmenschen.

 

 

Wir werden auch gelernt haben, wovon wir weniger wollen …

Trivialität

Gegen Trivialität zu kämpfen, bedeutet nicht, auf den Spaß am Tanzen, Herumalbern oder Erzählen von dreckigen Witzen zu verzichten. Trivialität bedeutet stattdessen, den Dingen nicht anzumerken, dass sie im Kern ziemlich albern sind, und sie dann viel zu ernst zu nehmen. Das bedeutet, die ganze Energie dem Banalen zu widmen und darüber unser Bedürfnis nach Wärme und Gemeinschaft zu vernachlässigen. Es werden viele andere Krisen kommen: Der Asteroid von 2043, das Erdbeben von 2192, die Invasion von Außerirdischen von 2289 … Wir sollten sicherstellen, dass wir diesen Schlägen auf eine Art würdevolle und sinnhafte Art begegnen: Wir werden vielleicht lachen, oder sogar tanzen, aber wir werden gelernt haben, angesichts des drohenden Niedergangs unseren Tagen Bedeutsamkeit zu verleihen.

 

Undankbarkeit

Auf dem Weg werden wir auch gelernt haben, die bisher nicht gewürdigte Freuden zu schätzen, die ein Abendspaziergang durch die bekannten, unspektakulären und liebenswerten Straßen der Nachbarschaft bereitet – oder ein Nachmittag in einem öffentlichen Park, im Gras liegend, neben unbekannten Familien, die eine Picknick machen. Wir werden echte Genießer*innen all dessen werden, das wundervoll und nahezu ohne Gegenleistung ständig im hier und jetzt verfügbar ist.

 

Misstrauen

Wir werden unsere Furcht vor Berührung beiseite schieben. Wir werden jeden Moment mit spürbarem Kontakt wertschätzen: Das befriedigende Streicheln einer Wange oder die eingehende Untersuchung unseres linken Nasenlochs, einen Arm um die Schulter, einen Kuss und den einfachen Zauber einer Umarmung.

 

Oberflächliche Heiterkeit

Nach dem Sturm werden wir weniger Geduld mit oberflächlicher guter Laune haben. Wir werden so viel über die Dunkelheit wissen, dass wir uns nicht mit verlockenden Versprechungen zufrieden geben werden. Ein fröhlicher Pessimismus führt uns zu weiseren Perspektiven. Wir werden Fachleute für Melancholie sein, und für die schönste Form des Komischen: Den Galgenhumor.

 

 

Jede Berührung mit dem Tod - individuell oder als Gesellschaft – führt uns eine große und sonst verheerend ignorierte Frage vor Augen: Wie möchten wir wirklich, wirklich gerne leben? Der Sturm ist unsere tragische Chance, die eine oder andere grundsätzliche und befriedigende Antwort darauf zu finden.

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