Warum wir lieber geliebt werden als zu lieben

Wir reden von „Liebe“, als wäre sie ein einheitliches, undifferenziertes Phänomen, doch in Wahrheit umfasst sie zwei sehr unterschiedliche Aspekte: Geliebtwerden und Lieben. Wenn wir bessere Partnerschaften haben möchten, müssen wir im Wesentlichen auch dazu bereit sein, Letzteres zu tun – und uns der Tatsache bewusst werden, dass wir in unnatürlicher und gefährlicher Weise auf Ersteres fixiert sind.

Unsere ersten Erfahrungen mit der Liebe drehen sich nur um das „Geliebtwerden“, denn so sind wir der Liebe erstmals begegnet, als wir kleine Kinder waren und andere sich um uns kümmerten. In unserer frühen Kindheit konnten wir Liebe nur empfangen; stets war jemand da, der uns tröstete, mit uns spielte, uns fragte, wie wir uns fühlten, und nichts unversucht ließ, um jeglichen Kummer von uns fernzuhalten. Wir hingegen mussten kaum eine Gegenleistung erbringen. Es war nicht unsere Aufgabe, unsere Eltern zu fragen, wie ihr Tag gewesen war, oder ihnen vorzuschlagen, dass sie angesichts ihrer Erschöpfung nach der Arbeit doch nach oben gehen und ein kleines Nickerchen machen könnten.

Diese Art und Weise, mit jemandem in Beziehung zu treten (wobei der andere uns führt, unterstützt und dient), wird oft unbewusst und ganz ohne böse Absicht als Norm dafür verinnerlicht, wie Liebe sein sollte. Für das Kind fühlt es sich so an, als stünden Mutter oder Vater immer und überall zur Verfügung, um zu trösten, Orientierung zu bieten, zu unterhalten, zu ernähren und aufzuräumen, während sie – die Eltern – in allen Lebenslagen warmherzig und fröhlich bleiben. Und Eltern tun zudem alles, um vor ihren Kindern zu verbergen, dass es auch noch eine andere Wirklichkeit geben könnte. Sie geben sich die allergrößte Mühe, jeden Moment des Zorns, der Verzweiflung oder auch der Gleichgültigkeit von ihren Kindern fernzuhalten.

Diese einseitige Vorstellung von Liebe nehmen wir mit in unser Erwachsenendasein. Wenn wir das Jugendalter erreichen, geschieht – völlig unbewusst – Folgendes: Wir hoffen darauf, dass im Erwachsenenalter dieses Gefühl wieder aufkommt, umsorgt und verwöhnt zu werden wie ein Kind. In einer versteckten Ecke unserer Seele träumen wir alle von einem Partner, der unsere Bedürfnisse bereits im Voraus kennt, in unserem Herzen lesen kann, völlig selbstlos handelt und unsere ganze Welt besser und vollständiger macht. Das klingt unglaublich „romantisch“, und doch ist es eine hundertprozentige Garantie dafür, Probleme zu bekommen und letztendlich direkt ins Unglück zu laufen, wenn wir zu vehement darauf bestehen.

Vielleicht war es in unserem Leben niemals wirklich so, aber stellen wir uns doch einmal vor, wie eine gute Mutter gewesen sein könnte: Als wir ein Baby waren, fütterte sie uns in der Nacht; wir schrien um drei Uhr morgens, und sie stand auf und beruhigte uns, bis wir nach einer Stunde endlich wieder einschliefen. Wenn wir eine Erkältung hatten, brachte sie uns Toast und Ei ans Bett. Sie interessierte sich für jede Kleinigkeit in unserem Leben: wie es uns in der Geografie-Prüfung in der Schule ergangen war, oder für die Schürfwunde am Knie, die wir uns beim Wettrennen geholt hatten. Selbst heute noch möchte sie, dass wir glücklich sind, und dabei geht es keinesfalls nur um beruflichen Erfolg. Und wenn wir es vergeigen, sind unsere Probleme immer auch die unserer Mutter. Sie stellt ihre eigenen Bedürfnisse für uns zurück. Sie verlangt niemals, dass wir ihren Sorgen ebenso viel Bedeutung beimessen wie unseren eigenen.

Das ist ein sehr außergewöhnliches Bild davon, wie Liebe sein könnte. Im Grunde ist es verzeihlich, dass wir als Erwachsene zunächst diese Art von Liebe voneinander erwarten. Dennoch werden wir im Laufe der Zeit unweigerlich eine bittere Erkenntnis gewinnen: dass wir nie mehr auch nur annähernd jene Liebe erfahren werden, die wir als Kinder kannten.

Darüber geraten wir in Wut und machen den anderen dafür verantwortlich, weil er unfähig ist, unsere Bedürfnisse bis ins Kleinste zu erahnen, unfähig, uns genug zu lieben … bis wir eines Tages wahrhaft erwachsen werden und erkennen, dass wir uns von dieser Sehnsucht nach jener selbstlosen, einseitigen Liebe nur befreien können, wenn wir aufhören, sie ausschließlich für uns selbst zu verlangen. Stattdessen müssen wir lernen – in all den Momenten, in denen wir die Energie und die Fantasie dafür aufbringen – diese Liebe jemand anderem zu schenken, und so für unseren Partner all das zu tun, was eine ideale Mutter oder ein idealer Vater einst für uns getan hätten. Das gelingt uns nicht immer, und das erwartet auch niemand von uns. Liebe unter Erwachsenen kann immer nur eine vernünftige Mischung sein aus der Bitte um Hilfe und dem Angebot, diese selbst zu geben. Und doch kommen uns erwachsene Paare oft vor wie zwei kleine Kinder, die man in der Kita vergessen hat, und die jetzt beide heulen, weil niemand sie beachtet. Und keiner von beiden schafft es, lange genug die Rolle des Erwachsenen zu übernehmen, um den anderen wieder aufzurichten und dann von ihm dasselbe zu erfahren. Wir sollten endlich erkennen, wie oft in einer Partnerschaft berechtigterweise von uns erwartet wird, dass wir die eigenen Bedürfnisse eine Zeit lang zurückstellen, um uns um die Nöte des anderen zu kümmern. Erst dann werden wir die komplizierte Lektion gelernt haben, wie man liebt, anstatt sich einfach nur lieben zu lassen.

tsol cover partnerschaftDieser Blogeintrag ist ein Auszug aus dem Buch "Partnerschaft - keine Frage des Glücks", erschienen bei Süddeutsche Zeitung -Edition. Preis: 16€ inkl. MwSt. Zu kaufen bei The School of Life, Lychener Str. 7, 10437 Berlin oder online hier.

 

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