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Warum wir in der Liebe Spielchen spielen

Warum wir in der Liebe Spielchen spielen

Viele von uns glauben fest daran, dass man in der Liebe immer aufrichtig und direkt sein sollte. „Ich spiele keine Spielchen!“ ist ein auf der ganzen Welt beliebtes Mantra, das wir in den ersten hoffnungsvollen Tagen einer Beziehung mit großer Überzeugung vor uns hertragen.

Dabei gehen wir meist davon aus, Spielchen würden lediglich in der Kennenlernphase gespielt. Etwa, wenn wir unser Begehren hinter einer gleichgültigen Fassade verbergen oder unseren Partner*innen die kalte Schulter zeigen, sobald unsere Liebe erwidert wird.

Übersehen werden dagegen all die anderen Spielchen, die unsere Beziehungen gefährden. Wir spielen sie immer dann, wenn wir eine Verletzung nicht zeigen, sondern verbergen. Unsere Partner*innen sagen oder tun etwas, das eine empfindliche Wunde reißt. Wir fühlen uns bloßgestellt und verzweifelt, überempfindlich und schwach. Und weil wir nicht darauf vertrauen, dass man uns mag und zuhört, beginnen wir ein heimtückisches Spiel: Wir halten still, wir lächeln, wir verbergen unseren Aufruhr – aber nur zum Teil. Denn eigentlich hoffen wir darauf, dass unsere Partner*innen ihr Vergehen beizeiten bemerken, alles fürchterlich bedauern und sich entschuldigen, ganz ohne unser Zutun.

Statt freimütig zu sagen, was uns auf der Seele brennt, provozieren wir Schuldgefühle. Wir könnten natürlich erklären, dass wir ein bisschen sauer sind, weil unsere Partner*innen ihr Versprechen vergessen haben, auf dem Weg von der Arbeit ein Medikament abzuholen. Aber wir tun so, als sei nichts geschehen, gehen am nächsten Morgen selbst zur Apotheke und platzieren Medikament und Rezept anschließend prominent auf dem Küchentisch. Wie erhofft bemerken unsere Partner*innen das Versäumnis sofort. Und wenn sie sagen: „Oh Gott, es tut mir so leid!“, lächeln wir entspannt und antworten: „Kein Problem, alles gut, das war überhaupt kein Problem für mich!“

Solche Spielchen mögen klein und unbedeutend scheinen, aber wer sich mit der Seismologie von Beziehungen auskennt, weiß, dass sie oft von etwas viel Größerem künden. Das Muster ist fatal: Wir erklären nicht, was uns missfällt; uns fehlt der Mut, über das zu sprechen, was uns wichtig ist; wir hoffen aber trotzdem, verstanden zu werden. Unsere indirekte Art zu kommunizieren ist destruktiv. Sie zieht Wut und Verbitterung nach sich. Mit der Zeit erodiert so das Vertrauen.

Ein geläufiges Spielchen ist das Schmollen. Wir sind gekränkt, weil unsere Partner*innen in großer Runde eine Geschichte erzählt haben, die unter uns bleiben sollte; sie waren taktlos, haben einen wichtigen Termin vergessen oder uns nicht zugehört. Unser Schmollen verrät eine hilflose, romantische Hoffnung: Wir wünschen uns, verstanden zu werden, ohne etwas sagen zu müssen. Schmollen wir, träumen wir davon, dass jemand, der uns wirklich liebt, errät, was mit uns los ist. Auf keinen Fall sind wir bereit, mühsam durchzubuchstabieren, was uns wurmt, schon gar nicht in einem Medium, das so unbeholfen und träge ist wie Sprache. Nein, wir wollen ohne Worte verstanden werden!

WIR SCHMOLLEN LIEBER 6 STUNDEN LANG ALS UNS RICHTIG ZU ERKLÄREN

Gelingt dies unseren Partner *innen nicht, ahnen wir Schlimmstes. Wir lassen keinen Raum für Unschuldsvermutungen. Unsere Partner*innen sind nicht etwa trotz redlichen Bemühens daran gescheitert, uns zu verstehen, sie haben es mit Absicht getan! Wer schmollt, fühlt sich nicht nur verlassen, sondern regelrecht schikaniert.

Darum ist es sehr viel verlockender, geschlagene sechs Stunden in äußerst knappen Worten und mit melancholisch-verletzter Miene darauf zu bestehen, dass alles in Ordnung sei, als geduldig zu erklären, was uns weh tut.

Wollen wir eine unbelastetere Beziehung führen, müssen wir lernen, jemandem, der uns verärgert hat, zu sagen, was los ist – und zwar zeitnah.

ES IST EIN GROSSES PRIVILEG, EINEN MENSCHEN ZU LIEBEN, DER MUTIG GENUG IST, SICH SCHWACH ZU ZEIGE

Das gegenseitige Versprechen, keine Spielchen zu spielen, muss das Bemühen einschließen, direkt und sofort zu sagen, was uns ärgert. Mag sein, dass man uns für kompliziert hält. Aber so lange wir freundlich bleiben, ist es alles andere als armselig oder schwach, über unsere Verletzungen zu sprechen. Es ist vielmehr ein großes Privileg, einen wirklich erwachsenen Menschen zu lieben, der uns genau sagen kann, was er fühlt, wenn ein Problem auftaucht – und der mutig genug ist, sich selbst so schwach zu zeigen, dass die Liebe stark bleiben kann.

By The School of Life

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