Warum es so schwierig ist, in der Gegenwart zu leben

schwierig in der Gegenwart zu leben

Viele von uns leiden unter einem eigentümlichen Problem: der Unfähigkeit, in jener Zeitspanne zu leben, die wir „Gegenwart“ nennen. Man liegt an einem sonnigen Tag an einem schönen Strand, die Palmen strecken sich dem azurblauen Himmel entgegen, und doch nimmt man den außergewöhnlichen Ausblick kaum wahr, so fixiert ist man auf ein Ereignis, welches erst in sechs Monaten stattfinden wird. Oder man verbringt Zeit mit seinen Eltern. Unsere Anwesenheit bedeutet ihnen viel und wir lieben sie sehr, aber dennoch kreisen unsere Gedanken um eigene Angelegenheiten und springen zwischen Vergangenheit und Zukunft vor und zurück. Wieso ist es überhaupt so schwierig, die Gegenwart und auch ihre schönen Momente bewusst zu erleben? Und warum lassen sich umgekehrt so viele Ereignisse erst dann genießen, schätzen und wahrnehmen, wenn sie bereits unwiderruflich vorbei sind?

1) Raffung der Gegenwart
Wir beschäftigen uns deswegen so gern mit der Vergangenheit, weil es sich bei Erinnerungen um eine dramatisch verkürzte und bearbeitete Version der Gegenwart handelt. Selbst die besten Tage unseres Lebens beinhalten eine Reihe von langweiligen und unangenehmen Momenten. Im Gedächtnis halten wir uns jedoch an die herausragendsten Momente – ganz wie Regisseure, die aus stundenlangem, rohem und oft uninspiriertem Filmmaterial Sequenzen konstruieren, die weitaus aussagekräftiger und interessanter sind als die Einstellungen, die sie erzeugt haben. Ganze Stunden der Mittelmäßigkeit können auf fünf oder sechs perfekte Bilder reduziert werden. Nostalgie ist somit das Schwelgen in einer von uns überarbeiteten und verbesserten Gegenwart.

2) Angst vor Ungewissheit
Vieles, was uns die Gegenwart verdirbt, ist schiere Angst. Die Gegenwart hält eine enorme Anzahl von vorstellbaren, teils grauenhaften Möglichkeiten bereit, die uns im Hintergrund ständig bewusst sind. Alles könnte theoretisch eintreten: ein Erdbeben, ein Schlaganfall, eine Zurückweisung. Dies ruft eine diffuse Angst hervor, welche die meisten von uns die ganze Zeit über verfolgt – die simple Angst vor der Ungewissheit dessen, was vielleicht kommen mag. Tatsächlich tritt nur eine sehr begrenzte Anzahl dieser schrecklichen Dinge ein, sodass wir die Angst wieder verdrängen oder in einen neuen Moment verlagern. Wenn wir uns also an ein Ereignis in der Vergangenheit erinnern, sparen wir dabei aus, wie viel Zeit wir eigentlich darauf verwendeten, an ein mögliches zukünftiges Ereignis zu denken, das niemals eingetreten ist.

3) Körperliche Stimmungen
Auch unsere Körper tragen zur Ablenkung von der Gegenwart bei. Sie haben ihre eigenen Launen und Stimmungen. Man fühlt sich womöglich müde und angespannt, während man sich in einer idyllischen, beeindruckenden Landschaft aufhält, aber auch diese dissonanten Stimmungen werden aus dem Gedächtnis gestrichen. Wir werden uns länger an den Blick auf den Ozean erinnern, als an die leichte Übelkeit, welche unsere Aufmerksamkeit damals auf uns selbst gelenkt hat.

Unsere Gedanken sind unübersichtlich und chaotisch und haben meist nicht viel mit dem zu tun, was sich direkt vor unseren Augen abspielt. Wir sollten uns dieser sehr seltsamen menschlichen Art und Weise, durch die Welt zu gehen, bewusst werden, aber uns nicht übermäßig dafür verurteilen, dass wir Schwierigkeiten dabei haben, Körper und Geist in der Gegenwart zu verankern. Wir sollten darauf auch bei anderen Menschen vorbereitet sein – wenn sie beispielsweise auf einer Party, zu der wir sie eingeladen haben, seltsam besorgt aussehen oder einer Geschichte nicht zuzuhören scheinen. Auch sie haben vielleicht nur Schwierigkeiten, in der Gegenwart zu sein. Und wie wir werden sie die Begegnung mit uns wahrscheinlich dann noch viel mehr genießen, wenn die Gegenwart der Erinnerung gewichen ist.

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