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Warum es so schrecklich ist, mit anderen Menschen zu arbeiten

Warum es so schrecklich ist, mit anderen Menschen zu arbeiten

Einer der fürchterlichsten Aspekte des Arbeitslebens ist, dass wir – wenn wir nicht enormes Glück haben – Kolleg*innen haben müssen. Der Kollege ist ein Wesen, das in Situationen mit hohem Stress und verfahrenstechnischer Komplexität innerhalb kürzester Zeit zu einer der größten Bedrohungen für unsere Ruhe, Gelassenheit und geistige Gesundheit werden kann.

Es ist bezeichnend, dass sich im 19. Jahrhundert ein bestimmtes Arbeitsumfeld zu einem sehr beliebten Thema in der Malerei entwickelt hat: das Atelier des/der Künstler*in. Archetypische Gemälde von Ateliers zeigen hohe Räume mit großen Fenstern, Blicke auf benachbarte Dächer, spärliche Möbel, schmutzige Tische, die mit Farbtuben bedeckt sind und halbfertige Meisterwerke, die an den Wänden lehnen. Es gab noch einen weiteren Faktor, der die kollektive Vorstellungskraft besonders ansprach: Es war niemand im Studio außer dem/der Künstler*in. Gerade zu der Zeit, als immer mehr Menschen in immer größeren Büros zusammengetrieben wurden und zum ersten Mal alle damit verbundenen Kompromisse und Einschränkungen erlebten, wuchs das Verlangen nach Bildern einer alternativen Utopie, einem Arbeitsplatz, der tröstlich frei von der elendigen Anwesenheit von Kolleg*innen war.

Dass wir uns heute so häufig in Büros wiederfinden, ist kein bloßes Pech, sondern liegt daran, dass die gewaltigen Aufgaben der modernen Marktwirtschaft sich nicht im Alleingang bewältigen lassen. Es ist (leider) unmöglich, eine Fluggesellschaft oder eine Bank allein zu betreiben.

Das Problem mit Kolleg*innen beginnt mit den grundlegenden, aber sehr kniffligen Herausforderungen, die mit dem Versuch verbunden sind, den Inhalt des eigenen Geistes einer anderen Person zu vermitteln. Wenn wir die Dinge selbst erledigen, ist der Informationsfluss unmittelbar und reibungslos. Wenn wir unsere inneren Monologe hören könnten, würden sie aus einer Reihe verblüffend schneller Aussagen und durcheinander gewürfelter Worte bestehen: “Argh! So, komm schon, nur bis hier. So vielleicht, ah, fast! … Neinneinnein, zurück! Nein, JA … Ich hab’s, so passt es.”

Aber wenn wir zusammenarbeiten, müssen wir den Strom unseres Bewusstseins (dem nur wir folgen können) mühsam und umständlich in für die Außenwelt verständliche Botschaften verwandeln. Wir müssen Gefühle in Sprache übersetzen, unsere wilderen Impulse mäßigen, Intuitionen in ganze Absätze umwandeln – alles, um Aufforderungen und Vorschläge zu formulieren, die eine Chance haben, in den Köpfen anderer Menschen etwas zu bewirken.

Durch eine grausame Marotte der Psychologie können andere einfach nicht rein instinktiv verstehen, was wir brauchen und wollen – obwohl wir manchmal das Gefühl haben, dass sie das eigentlich müssten. Es dauert lange, bis sich diese Erkenntnis bei uns durchsetzt. In ihren ersten Tagen merken Babys einfach nicht, dass ihre Mütter in Wirklichkeit eigenständige Wesen sind – und werden sehr frustriert, wenn diese begriffsstutzigen Erweiterungen ihrer selbst nicht wie von Zauberhand ihren unausgesprochenen Wünschen gehorchen. Erst nach einem langen und sehr schwierigen Entwicklungsprozess (wenn überhaupt) kann ein Kind erkennen, dass ein Elternteil ein separates Individuum ist – und dass es, um sich ihm verständlich zu machen, mehr tun muss als nur grunzen und an die Lösung zu denken. Es kann ein ganzes Lebenswerk sein – wobei das Büro eine besonders schmerzhafte Passage darstellen kann – die Unmöglichkeit von gegenseitigem Gedankenlesen allmählich zu akzeptieren.

Als wäre dies nicht schon schlimm genug, laufen viele Kollegen auch noch Gefahr, unsere Meinung nicht zu teilen. Sie haben entgegengesetzte Ansichten, eigene Marotten, Lieblingsthemen und obsessive Verhaltensweisen. Um unseren Standpunkt durchzusetzen und ihren Widerstand zu verringern, müssen wir eine Reihe diplomatischer Fähigkeiten einsetzen. Gerade in den Augenblicken, in denen wir – wütend und überfordert – einfach nur schreien oder fluchen möchten, stellt sich heraus, dass wir keine andere Wahl haben, als besonders charmant zu sein.

Denn Kolleg*innen sind zu allem Überfluss äußerst sensibel. Sie sind – sofern wir nicht den genau richtigen Ton treffen – schnell beleidigt, hegen Groll, fangen an zu weinen oder schwärzen uns bei Vorgesetzten an.

Die Notwendigkeit, bei der Arbeit nett zu sein, ist ein Novum, an das wir uns noch immer gewöhnen müssen. Früher war Schroffheit die Regel: Es war eine gute Möglichkeit, die Menschen dazu zu bringen, ein Boot schnell zu wenden, Kohlewagen schneller zu schieben oder die Produktionsrate am Hochofen in einem Stahlwerk zu erhöhen. Als die meisten Arbeiten körperlicher Natur waren, konnte das Management ruppig sein; die Arbeitenden konnten sich unterbewertet oder gemobbt fühlen und dennoch in der Lage sein, ihre Aufgaben perfekt zu erfüllen.

Aber heutzutage erfordern die meisten Tätigkeiten ein hohes Maß an psychologischem Wohlbefinden, um angemessen ausgeführt zu werden. Ein verletzender Kommentar kann die Produktivität einer Person für einen ganzen Tag ruinieren. Ohne großen Respekt, Anerkennung und Ermutigung versickern riesige Geldbeträge still und unbemerkt in Groll und Frust. Wenn einem etwas an an dem Ergebnis der gemeinsamen Arbeit liegt, hat man keine andere Wahl, als zu versuchen, ein wenig nett zu sein.

Gleichzeitig haben Einschränkungen dessen, wie offen man sprechen kann, ihrerseits enorme Kosten. Eine große Menge an wertvollen Informationen, die frei in einem Unternehmen kursieren sollten, wird wegen dem Gebot, niemanden vor den Kopf zu stoßen, zurückgehalten. Man hält sich bedeckt, weil man Angst hat, Untergebene zu verletzen, Kolleg*innen zu verärgern und die Beziehungen zu Vorgesetzten zu ruinieren. So werden Einsichten, die dem Unternehmen helfen könnten, zu gut gehüteten Geheimnissen.

Beziehungen in der Arbeit sind nicht weniger knifflig als romantische Beziehungen, aber zumindest haben wir in letzteren ein grundlegendes Sicherheitsgefühl, das es uns ermöglicht, unsere Meinung zu äußern und notwendige kathartische Schritte zu unternehmen – unsere Partner*innen können wir im Rahmen eines emotionalen Ausbruchs auch mal mit wüsten Beschimpfungen belegen. Im Büroalltag fehlt diese reinigende Offenheit, die scheinbar nur möglich ist, wenn zwei Menschen wissen, dass sie hinterher einfach Versöhnungssex haben können.

Im Kern unserer Büroqualen steht die Beschwerde, dass wir unsere Kolleg*innen als Menschen oft nicht mögen. In einer besseren Welt wäre es unwahrscheinlich, dass wir jemals überhaupt Zeit mit solch unerfreulichen Charakteren verbringen. Wir sollten uns nicht über unser tägliches Unbehagen wundern, zumal diese Menschen nie auf der Grundlage ihrer psychologischen Kompatibilität ausgewählt wurden. Wir wurden zu einer Einheit zusammengeschlossen, weil sie über eine Reihe von technischen und geschäftlichen Kompetenzen verfügten, die für eine Aufgabe notwendig waren – nicht weil sie in der Mittagspause lustige Gesprächspartner*innen abgeben oder mit einem angenehmen Charakter gesegnet sind.

Es gibt noch eine weitere Herausforderung, vor die Kollegen uns stellen: Unternehmen und Geschäfte sind grundsätzlich hierarchisch organisiert, mit einer immer kleineren Anzahl von begehrten, besser vergüteten Plätzen, je näher man der Spitze kommt. Ein naiver Außenstehender könnte glauben, dass der berufliche Werdegang durch klare, öffentlich einsehbare und leistungsabhängige Faktoren bestimmt wird. Aber die Realität ist, dass in vielen Berufen kein nachweisbares Maß für Leistung zur Verfügung steht. Die Erfolgsfaktoren sind zu zahlreich, undurchsichtig und unstetig. Was also entscheidet, wer befördert wird, ist nicht Talent an sich, sondern Erfolg in einer Reihe von dunklen psychologischen Künsten, die sich am besten mit dem Begriff “Politik” zusammenfassen lassen.

Politische Kompetenz hat jedoch wenig mit dem zu tun, worin wir ausgebildet und warum wir eingestellt wurden. Als Teil einer guten betriebswirtschaftlichen Ausbildung haben wir möglicherweise Jahre damit verbracht, zu lernen, wie man eine Bilanzierung durchführt, Wettbewerber analysiert, Verträge aushandelt und eine Logistikkette optimiert. Aber wenn wir im Büro ankommen, werden wir mit anderen, weniger bekannten Herausforderungen konfrontiert: der Person am Schreibtisch gegenüber mit der charmanten Art, die allen Gesprächspartnern euphorisch recht gibt, aber eine Reihe von toxischen Ansichten hat und privat ihre ganz eigene Agenda verfolgt; der Person, die auf höfliche Kritik oder wohlmeinendes Feedback sofort verletzt und wütend reagiert; der Person, die vorgibt, auf unserer Seite zu sein, aber genau weiß, wie sie den Lob für unsere Erfolge einstreicht.

In solchen Situationen können sich die hässlichsten Eigenschaften als die notwendigsten erweisen: die Fähigkeit, ohne Gewissensbisse Ruhm für Dinge anzunehmen, die nicht wirklich unser Tun waren; Fehlern von uns zu weisen, an denen wir tatsächlich beteiligt waren; die Mängel von ansonsten durchaus fähigen Kolleg*innen subtil in den Vordergrund zu stellen; in Schlüsselmomenten emotional verletzlichen Vorgesetzte auflaufen zu lassen; uns einzuschmeicheln, ohne uns etwas anmerken zu lassen; unsere Ansichten an die aktuell vorherrschenden Meinungen anzupassen.

Solche zwielichtigen, heimtückischen Strategien sind nicht leicht zu erkennen und können uns völlig unmöglich erscheinen, wenn wir stolz darauf sind, geradlinig, direkt oder irgendwie ethisch zu handeln. Dennoch können wir sicher sein, dass die edelmütige Ablehnung solcher Verhaltensweisen uns hohe Kosten verursachen wird.

Alles in allem, verwundert es also wenig, dass die Zusammenarbeit mit anderen uns so sehr zur Last werden kann. Wir erwarten unterbewusst von unseren Kolleg*innen (und sie von uns), dass sie unsere halbgaren Kommunikationsversuche intuitiv richtig deuten; bei Meinungsverschiedenheiten müssen wir uns in der Kunst der Diplomatie üben, denn mit jeder falschen Bemerkung laufen wir Gefahr, ihr zartes Gemüt dauerhaft aufzuwühlen; wir müssen auch mit solchen Menschen zusammenarbeiten, deren Charakter zweifelsfrei völlig unausstehlich ist und wir müssen uns in Büroumgebungen durchsetzen, in denen mehr Intrigen gesponnen werden, als in jeder Soap-Opera. Dazu steht uns eine Reihe von unbewussten Annahmen im Weg: dass die Zusammenarbeit mit anderen eigentlich recht einfach und rational ablaufen könnte; dass Büros im Grunde genommen riesige Familien sind; dass wir mit unseren Kolleg*innen befreundet sein sollten, dass Ehrlichkeit belohnt wird und dass Talent sich am Ende durchsetzt.

Wollen wir uns all diesen Problemen stellen, gibt es keine andere Möglichkeit, als ein tiefes Verständnis für uns selbst, die Menschen mit denen wir arbeiten sowie für die zwischenmenschlichen Prozesse zu entwickeln, die sich in der Zusammenarbeit entfalten. The School of Life hat sich zur Aufgabe gemacht, Menschen bei genau dieser Herausforderung zu unterstützen. Ob Privatperson oder Unternehmen, ob Berufseinsteiger*in oder Mensch in leitender Rolle, The School of Life bietet ein reiches Programm, rund um das Thema Emotionale Intelligenz im Arbeitsleben.

By The School of Life

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