Unser Recht auf schlechte Laune

Die offizielle Religion der Moderne ist das Glücklichsein. Das kann auf den ersten Blick gut klingen, aber ständig heiter zu sein, ist eine extrem einschränkende Forderung. Es gibt eine Freiheit, die uns so auf subtile, aber schreckliche Weise vorenthalten wird: die Freiheit, unglücklich zu sein.

Der Kinderpsychoanalytiker Donald Winnicott entwickelte ein besonderes Misstrauen gegenüber solchen Menschen, die, wann immer sie ein Baby sehen, versuchen, es mit aller Kraft zum Lächeln zu bringen. Sie machen lustige Gesichter, spielen Kuckuck, wippen das Kind auf und ab, kitzeln seine Zehen - und hören nicht auf, bis das Baby endlich ein paar Lacher von sich gibt. Ein auf diese Weise fröhlicher und aufgedrehter Mensch unterscheidet sich von einem glücklichen Menschen; ein glücklicher Mensch lächelt, weil er Lust dazu hat, ein aufgedrehter Mensch lächelt, weil er dazu gezwungen ist, weil in seinem Inneren allerlei unverarbeiteter Kummer steckt, vor dem er manisch auf der Flucht ist. Wenn solche Menschen für einen Moment aufhören würden zu lachen, müssten sie vielleicht all das erkennen, dem sie sich bisher nicht stellen konnten; all die Emotionen, die sie nicht wahrzunehmen wagen, die Wut auf jemanden, der sie im Stich gelassen hat, die Wut auf etwas oder jemanden, den sie lieben sollten, die Schuldgefühle aufgrund eines schweren Fehlers, den sie begangen haben.

Es ist unnatürlich, wenn jemand länger als fünfzehn Minuten am Stück unbeschwert und ohne Traurigkeit bleibt. Irgendetwas Düsteres zeichnet sich immer am Horizont ab. Deshalb ist die Vorstellung, nicht nur gelegentlich sehr glücklich, sondern grundsätzlich und dauerhaft fröhlich zu sein, ein so beunruhigender Gedanke, der auf einer Verleugnung der Realität beruht. Selbst Babys haben viel, worüber sie traurig sein können. Sie haben gerade erst den Mutterleib verlassen, den bequemsten, intuitivsten und nährendsten Ort auf Erden, und müssen all die Enttäuschungen entdecken, die der Versuch, sich zu ernähren und für sein eigenes Wohlergehen zu sorgen, mit sich bringt. Sie haben noch so viel zu lernen. Vielleicht erleben sie sogar schon die ersten Andeutungen von Sterblichkeit. Warum sollte eine so komplexe Kreatur dazu geneigt sein, mehr zu tun als nur gelegentlich ein Kichern loszulassen?

Die Gesellschaft will uns einfach nicht in Ruhe lassen 

Leider ist die moderne Gesellschaft wie ein riesiger Spaßvogel. Sie will uns ständig hochnehmen und mit uns Kuckuck spielen. Medien, Werbung, Partys, Freunde - alle verschwören sich, um uns zu suggerieren, dass es irgendwie normal wäre, ständig Erfolge zu feiern und sich gesprächig, ausgeglichen, optimistisch und leichtfüßig zu fühlen.

Wir sollten anerkennen dürfen, dass das Leben ein Hospiz ist und kein Krankenhaus, dass wir dem Untergang geweiht und kränkelnd sind, dass uns auf Schritt und Tritt die Angst folgt, dass wir ungeheuer zerbrechlich sind und immer an der Schwelle zu einer neuen enttäuschenden Erkenntnis stehen.

Wir sollten niemals gezwungen sein, jemandem zu sagen, dass es uns "gut" geht. Die selbstverständliche Vorannahme sollte sein, dass wir uns selbstverständlich in irgendeiner Art von Krise befinden: finanziell, romantisch, in Bezug auf unseren Ruf, existentiell - denn so sind wir Menschen nun einmal. Wir sollten die Unterstellung von den Plakatwänden ausmerzen, dass unser Leben jemals unbeschwert und sonnig werden könnte. Selbst im Urlaub werden wir natürlich unglücklich sein. Auch wenn wir in einigen Aspekten unseres Lebens "gut" abgeschnitten haben, werden wir die meiste Zeit mit den Nerven am Ende sein. Natürlich hassen wir uns selbst und wünschen uns, wir hätten die meisten Dinge anders gemacht.

Wir brauchen eine Gesellschaft, die uns in dem Zustand annimmt, in dem wir sind - nicht eine, die versucht, uns sinnlos aufzuheitern. Wir wissen in unseren Herzen, und wenn wir um 4 Uhr morgens in Panik aufwachen, wie es wirklich läuft - wie anstrengend, verängstigend, unruhig, ärgerlich und uneindeutig unser Leben ist. Die nächste Stufe unserer Entwicklung wird darin bestehen, das, was wir über uns selbst wissen, anzuerkennen und eine Gesellschaft um uns herum aufzubauen, die den Mut hat, ihre wahre psychologische Komplexität zu akzeptieren.

Aus diesem Grund hat es sich The School of Life zur Aufgabe gemacht, einen Ort zu schaffen, an dem wir uns mit in ungeschönter und aufrichtiger Form mit uns selbst und unserem Alltag auseinandersetzen können. So gelangen wir Schritt für Schritt zu mehr Selbsterkenntnis und zu einem besseren, anstelle eines fröhlicheren Lebens. 


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