Selbsthass & Angstzustände

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Oft neigen wir dazu, nach den oberflächlichen Gründen für unsere Ängste zu suchen: Der Weg zum Flughafen, die anstehende öffentliche Rede, der Brief, auf den man schon lange wartet oder die Präsentation, die wir abgeben müssen...

Wenn wir die Sache aber etwas psychologischer angingen, würden wir die Suche an einer anderen Stelle beginnen. Mit großem Wohlwollen und ohne jede Verachtung uns gegenüber, könnten wir die objektiven Beweggründe unserer Ängste erst einmal vernachlässigen und stattdessen die folgende Frage betrachten: Wie fühlt die ängstliche Person sich selbst gegenüber?

Ein unerwarteter Grund für unsere großen Ängste ist Selbsthass. Menschen, die ohne ein großes Maß an Wohlwollen sich selbst gegenüber aufgewachsen sind, haben ein überdurchschnittlich hohes Risiko, später unter extremer Angst zu leiden. Wenn wir denken, etwas nicht wert zu sein, gehen wir mit einer etwas feigen Schlussfolgerung davon aus, dass uns die Welt ständig in der von uns erwarteten Weise bestraft. Es scheint einfach so gut zu passen, dass andere hinter unserem Rücken lachen, dass wir bald entlassen oder blamiert werden, dass wir ein verdientes Ziel für Mobbing und Ablehnung sind und, dass eine Bestrafung – oder schlimmeres – schon auf dem Weg zu uns ist. Wenn es einmal etwas besser läuft, muss das die ruhige Zeit sein, bevor andere den Fehler in ihrer guten Behandlung uns gegenüber sehen und gerade schon  die nächste Bestrafung planen. Für Selbsthassende ist Angst die leere Vorahnung des Schmerzes, den wir glauben zu verdienen: Sehr schlimme Dinge müssen sehr schlechten Menschen passieren.

Teil dieses Problems und einer der außergewöhnlichen Aspekte daran, wie unser Gehirn funktioniert, ist, dass es uns nicht einmal immer klar ist, dass wir unter niedrigem Selbstwertgefühl leiden. Selbsthass ist der Normalzustand geworden, gegen den wir nicht ankämpfen – oder den wir überhaupt nicht mehr bemerken. Um diesen Zustand zu ändern, müssen wir uns unseren Sorgen stellen und zunächst mit einigen Fragen beginnen:

Selbstwertgefühl-Fragebogen

1. Grundsätzlich mag ich mich so, wie ich bin.

Stimme sehr zu
Stimme zu
Neutral
Stimme nicht zu
Stimme gar nicht zu

2. Menschen sollten dankbar sein, mich in ihrem Leben zu haben.

Stimme sehr zu
Stimme zu
Neutral
Stimme nicht zu
Stimme gar nicht zu

3. Wenn ich mich nicht kennen würde, ginge ich davon aus, dass es mir okay geht.

Stimme sehr zu
Stimme zu
Neutral
Stimme nicht zu
Stimme gar nicht zu

4. In meiner Kindheit wurde mir das Gefühl gegeben, dass ich es verdient habe, überhaupt zu existieren.

Stimme sehr zu
Stimme zu
Neutral
Stimme nicht zu
Stimme gar nicht zu

 Wenn man sich nun eher auf der ablehnenden Seite dieser Antworten wiederfindet, könnte das ein Hinweis auf eine aufgewühlte Persönlichkeit sein. Das bedeutet nicht, dass man notwendigerweise mehr Dinge hat, um die man sich sorgen sollte, sondern dass man sich womöglich selbst weniger mag als normal – und sicherlich weniger als man sollte.

Die Lösung für dieses Problem liegt nicht darin, Ängste mit Logik zu bekämpfen; stattdessen sollten wir ihr mit Liebe begegnen. Wir müssen uns daran erinnern, dass wir nicht grundsätzlich minderwertig sind, dass wir ein Recht darauf haben, zu existieren, dass wir vergangene Vernachlässigung nicht verdient haben, und dass wir – sowohl metaphorisch als auch praktisch gesehen – einfach eine sehr lange Umarmung brauchen.

Die Logik dieser Analyse erscheint tatsächlich wenig intuitiv. Sie legt nahe, dass man bei der nächsten Panik nicht zu viel Zeit auf der Oberfläche verbringen, sondern stattdessen versuchen sollte, der Ursache für den Selbsthass auf den Grund zu gehen. Angst ist nicht immer Angst: Manchmal ist es nur eine sehr gut versteckte und ungesunde Angewohnheit, nicht zu mögen, wer wir sind.

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