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Katja Lewina über offene Beziehungen

Katja Lewina über offene Beziehungen

Katja Lewina ist Autorin („Sie hat Bock“), Feministin und gefragte Expertin für Polyamorie und offene Beziehungen. Bekannt geworden ist sie unter anderem durch ihre beliebte Kolumne im jetzt-Magazin. Seit einigen Jahren führt sie eine offene Beziehung mit ihrem Mann, mit dem sie 3 Kinder großzieht.

Bei unserem Online-Festival 48h Liebe haben wir Katja zu ihren Erfahrungen und Tipps zum Thema offene Beziehung gefragt. Hier sind einige ihrer Antworten.

Du lebst in einer offenen Beziehung. Wie hat es denn bei euch angefangen, war der Wunsch beidseitig?

Das ist sowieso so eine so eine krasse Geschichte bei uns gewesen, weil bei uns ist das daraus entstanden, dass mein Mann fremd gegangen ist. Also der hatte eine heimliche Affäre und dann ist das rausgekommen und es war ein riesen Schock, weil natürlich ich so in meinem Traum von der lebenslangen Monogamie gelebt habe und er ja eigentlich auch. […]

So, und das war aber so dieser Moment, der uns angestoßen hat zu überlegen: „Okay, es gibt also diese Wünsche, wie gehen wir damit um? Was wollen wir vielleicht eigentlich noch beide mehr?“ Und das war jetzt nicht nur in sexueller Hinsicht, sondern generell eine gewisse Abenteuerlust, vielleicht auch auf allen möglichen Bereichen. […]

“es wurde tatsächlich jeder Schritt abgesprochen mit meinem Mann vorher, also von Date zu Date.”

Als ich mich in so einen Typ verknallt habe – und das war so ein halbes Jahr später – da meinte mein Mann: „Naja, du, also ich hab das ja jetzt auch schon gemacht, da kann ich dir jetzt auch nicht wirklich verübeln, wenn du dich jetzt auch mit einem Typ triffst.“ Und dann habe ich mich mit ihm getroffen. Und es wurde tatsächlich jeder Schritt abgesprochen mit meinem Mann vorher, also von Date zu Date. Es war dann so wie „ich würde ihn wirklich gerne küssen, meinst du, du kannst dir das vorstellen?“ Und er meinte „Ja. Ja, ok, Küssen ist in Ordnung“. Und dann ging das ein paar Wochen und dann irgendwann war auch Sex für ihn in Ordnung. Und so haben wir uns herangetastet.

Du sagst, dass trotz offener Beziehung dein Mann für dich immer die unumstrittene Nummer 1 bleibt. Kann es nicht passieren, dass sich daran etwas ändert, weil aus deinen Gefühlen zu einem anderen Partner oder Partnerin plötzlich mehr wird?

[…] ich hole mal ein bisschen aus. Also ich bin ja aktuell mit einem Mann zusammen seit zweieinhalb Jahren, der quasi auch ein offizieller Partner von mir ist – also mein Freund. Ich hadere ein bisschen mit dem Begriff „Liebe“ tatsächlich, weil wahrscheinlich auch so konditioniert bin, dass dieser Begriff “Liebe” für meinen Mann vorbehalten ist.

Trotzdem ist das natürlich eine ganz, ganz tiefe Verbindung, die ich zu ihm habe. Und tatsächlich auch sehr liebesähnliche Gefühle. Das muss ich schon sagen. Er kann aber sehr gut neben meinem Mann stehen. Das ist genau das, was wir gelernt haben. Wir müssen uns nicht auftrennen, weil es noch jemand anderen gibt, der wichtig ist, sondern sie können beide nebeneinander bestehen. Und die kennen sich auch, und die akzeptieren sich auch. […]

Ich hatte aber – vor diesem Mann einmal – eine Situation, da habe ich mich so hardcore in jemand anderen verliebt und da war alles so toll und so euphorisch. Und es schillerte in allen Regenbogenfarben, dass ich dachte: “Vielleicht ist das der richtige Mann für mich”.

Vielleicht ist mein Mann eigentlich gar nicht derjenige welche. Vielleicht muss ich den auch verlassen. Es gab so einen Sekundenbruchteil von dieser Idee. Und dann habe ich mir auch ganz schnell gemerkt „Okay, das ist diese Verliebtheitsverblendung.“ Diese Verliebtheitsverblendung, die geht weg. Die war dann drei Monate später total abgeklungen und ich dachte so “Oh meine Fresse, was hab ich eigentlich da gewollt?” Und das ist genau das, dass diese zehn Jahre mit meinem Mann – alles was wir zusammen erlebt haben, die Kinder, die wir haben, die Verbindung, die wir haben, diese tiefe, tiefe Freundschaft, – da kann so eine Verliebtheit es überhaupt nicht gegen aufnehmen.

“Es ist total in Ordnung, dass es mal mit irgendwem anders dann besser ist als mit meinem Mann”

Es gab auch witzigerweise irgendwann mal, also die ersten Jahre war das auch wirklich so, dass es für mich das super wichtig war und ich auch ganz stolz darauf war, dass der Sex mit meinem Mann der allerbeste Sex ist, den ich jemals haben kann. Und dass niemand das toppen kann. Und ich hatte tatsächlich aber trotzdem irgendwann hinterher so Erlebnisse, wo ich dachte: “Krass, das kippt mich gerade derart aus den Latschen, das habe ich mit meinen Mann noch nie gehabt”. Also weiß ich nicht, ob das jetzt ein krasser Orgasmus war oder ein besonders intensives Erlebnis. Und auch das ist dann – irgendwann gemerkt – “Ja, das kann auch so sein.” Es ist total in Ordnung, dass es mal mit irgendwem anders dann besser ist als mit meinem Mann oder so; das darf nebeneinander stehen. Das darf nebeneinander existieren und es sind trotzdem zwei unterschiedliche Qualitäten von Sexualität.

Wie geht ihr mit Eifersucht um? Klärt ihr vorher ab: “ich treffe heute Person XY”? Weiß man das vorher oder erzählt ihr euch nachher darüber? Kommt es nicht oft zu Sorgen, Wut, Verletzungen … ?

Absolut. Das ist mega kompliziert. Also Eifersucht ist ja auch genau das Ding, warum so viele Menschen, die eine offene Beziehung haben wollen, sich nicht da rein trauen, weil sie Angst haben davor, was dann mit ihrer Beziehung passieren könnte; und dass sie das nicht aushalten können.

Also wir sagen uns tatsächlich immer vorher Bescheid, wenn irgendwer einen Date hat oder wer wo hingeht. Genauso wie wir uns über alle anderen Termine auch unterhalten, die in unserem Kalender drin drinstehen. Wir müssen uns echt viel organisieren, wir haben drei Kinder. Das heißt, es ist ohnehin schon alles bis obenhin voll.

“Eifersucht war vor allen Dingen am Anfang ein riesiges Thema für uns”

Und Eifersucht war vor allen Dingen am Anfang ein riesiges Thema für uns. Weil natürlich, obwohl wir diese Entscheidung getroffen haben, vom Kopf her: Ja, es ist gut. Treue – also sexuelle Treue – muss unsere Beziehung nicht definieren. Das ist toll, wenn wir Spaß mit anderen haben. Gab es ja trotzdem diese Gefühle von schrecklichem Schmerz und Versagensangst. “Und nachher ist der andere oder die andere besser als ich.” Und: “da hat jetzt mein Mann Spaß mit jemanden und ich sitze zu zuhause und muss mir die Fingernägel knabbern.” Und Einsamkeit, sowas alles, Verlustängste. Also das kommt natürlich dann trotzdem alles.

In der Zwischenzeit ist das sehr, sehr viel weniger geworden. Also wir haben uns absolut entspannt mit der Situation. Das ist einfach Alltag. Und ich glaube, das ist auch etwas, das man lernen kann. Dass man weiß: “Okay, er geht jetzt weg, aber er kommt zu mir wieder zurück.” Er kommt wieder. Das ist verändert nichts zwischen uns. Das macht die Liebe auch nicht kleiner. Je öfter du merkst, dass die Beziehung trotzdem Bestand hat und Zuneigung zueinander und natürlich auch, dass man trotz allem immer Priorität hat. Also dass es niemanden gibt, der irgendwie an an die erste Stelle rutschen könnte, desto entspannter wird man auch einfach damit. […]

Studien zufolge teilen Menschen in festen Partnerschaften nur 30-70% ihrer sexuellen Vorlieben und Fantasien miteinander. Wie ist es bei euch, erfüllt man sich dann die restlichen Fantasien einfach wo anders?

Der Witz bei uns ist ja, dass wir ja eigentlich gar nicht so sehr über sexuelle Fantasien funktionieren (lacht). […] Und ich muss aber sagen, dass sich tatsächlich unsere Sexualität verändert hat, dadurch, dass es Sex mit anderen gab. Zum Beispiel einfach weil nochmal andere Impulse von außen kommen. Also irgendwie eine Frau sagt “leck mich doch mal so!” und dann plötzlich kommt er nach Hause und hat eine völlig neue Technik drauf (lacht). Und das ist total cool. So wie halt alle Menschen irgendwie bereichernd sein können. Weil die uns vielleicht eine coole neue Band zeigen oder ein cooles Restaurant, oder so. Genau so kommen halt auch sexuelle Impulse dann rein.

Habt ihr formale Regeln für eure Beziehung?

[…] Inzwischen ist es fast nur noch eine einzige Regel geworden und die lautet Bitte nicht in unserem Ehebett mit anderen Menschen Sex haben (lacht). […]  Alles andere wurde einfach nach und nach aufgeweicht. Also von nicht mit anderen in Urlaub fahren, nicht bei anderen übernachten, andere nicht so oft treffen, mit anderen bestimmte Sexualpraktiken nicht praktizieren oder so … Wurde obsolet mit der Zeit.

Wenn ihr beiden füreinander so klar die Nummer 1 seid, ist es dann nicht schwierig für andere Menschen, mit denen du Beziehungen eingehst?

Ja, das ist gar nicht so leicht. Ich glaube,das ist eigentlich der Knackpunkt bei dieser ganzen Geschichte von Offenheit oder Polyamorie, dass, sofern das Paar – also das Kern-Paar – es schafft, das gut zu leben, ist das alles super gut und schön. Man hat einander. Man steht füreinander an erster Stelle. Das kriegt man irgendwie alles gut gebacken. Aber ich musste auch feststellen, wann immer es ernsthaft wurde mit irgendwem, wurde es schwierig.

“dass man eben nicht für jemanden an erster Stelle steht, […] damit umzugehen ist wahnsinnig schwer.”

Einfach weil das auszuhalten, dass man eben nicht für jemanden an erster Stelle steht, dass es da schon einen Partner gibt, dass es da Kinder gibt, dass es eine Arbeit gibt und man kommt irgendwo der Hierarchie ganz weit unten, nach all diesen diesen Punkten – damit umzugehen ist wahnsinnig schwer. Vor allen Dingen für Menschen, die eben selber nicht in einer anderen Beziehung sind. Die vielleicht noch keine Kinder haben, die daran denken, irgendwie vielleicht eines eines Tages eine Familie zu gründen. Also die einfach gerne das haben möchten, was eine Affäre ihnen nicht geben kann, langfristig. Und solche Menschen hab ich gehabt und die haben sich einfach immer irgendwann verabschiedet. Und dass mein Freund jetzt da geblieben ist, das hat glaube ich auch sehr viel mit Leidensfähigkeit zu tun. Muss ich ganz ehrlich sagen.

Er hat natürlich die Rosinen. Also, das ist auch so eine Sache. Der kriegt die schönen Dinge, der kriegt das Wochenende zusammen wegfahren und abends schön essen gehen und solche Dinge, der muss nicht mit mir über Wäsche diskutieren und wer die Kinder jetzt zur Schule bringt. Aber manchmal hat auch genau das eine Qualität.

Welchen Rat gibst du einem monogamen Paar, das seine Beziehung öffnen will, aber Angst hat, dass ein Partner oder Partnerin sich neu verliebt und plötzlich weg ist.

[…] Das ist […] genau das, was ich vorhin erzählt habe. Diese krasse Verliebtheit flaut ja auch irgendwann ab und dann merkst du, der andere oder die andere kocht, auch nur mit Wasser. Und dann ist mein Partner, den ich schon vorher hatte – das ist halt wirklich der Mensch, mit dem ich zusammen sein möchte. Ich glaube, solange man es schafft, so besonnen zu reagieren und sich einfach nicht mitreißen zu lassen …

Und vielleicht ist es am Ende tatsächlich so, dass ihr euch trennen müsst – das kann ja alles passieren. Das kann auch in einer monogamen Beziehung passieren, dass man irgendwann merkt “Okay, wir zwei passen wirklich nicht mehr zusammen” oder „irgendwer anders passt besser zu mir“. Aber dass man sich einfach Zeit nimmt und sich das entwickeln lässt und guckt. Vielleicht findet man auch noch andere kreative Lösungen.

“Die Gefühle zueinander werden sich sowieso verändern, ob man jetzt die Beziehung öffnet oder nicht”

Ich glaube, vor allen Dingen muss man diese Bereitschaft mitbringen, dass sich eine Beziehung auch verändern kann. Dass man das zulassen kann, dass man nicht darauf hofft, dass der Status quo für immer erhalten bleibt. Weil so eine Beziehung verändert sich eh die ganze Zeit. Die Gefühle zueinander werden sich sowieso verändern, ob man jetzt die Beziehung öffnet oder nicht […].

Insofern – Offen sein, besonnen bleiben und ich finde ganz, ganz wichtig am Anfang ist einfach immer wieder darauf zu achten und zurückzukommen zudem, dass man im Konsens bleibt, dass man nichts macht und nichts beschließt, was irgendwie über die Gefühle oder Bedürfnisse der anderen Personen geht. Das ist immer so der kleinste gemeinsame Nenner. Da ist und das kann vielleicht bedeuten, dass man sich vielleicht am Anfang noch gar keine sexuellen Kontakte mit anderen irgendwie zugestehen kann […].

Das es aber vielleicht erst einmal ein erster Schritt sein kann, in einen Flirt zu gehen oder zu einem Date zu gehen so und zu gucken: „was macht das eigentlich mit mir und was kann ich aushalten?“ Und dann wird dieser gemeinsame Nenner vielleicht irgendwann größer und und die eigenen Grenzen weichen so ein bisschen auf, weil das ist das, was ich beobachtet habe. Am Anfang sind diese Grenzen einfach oft noch sehr, sehr eng gesteckt und man kann noch gar nicht so viel aushalten. Aber je sicherer man wird bei der Sache, desto mehr kann man auch zulassen.

By The School of Life

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