Ich kann meinem Partner nicht alles sagen

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Viele Beziehungen beginnen mit dem zwar täuschenden, aber herrlichen Gefühl, dem Partner alles sagen zu können. Endlich brauchen wir uns nicht mehr zu verstellen und dürfen alles offenbaren, was wir zuvor für uns behalten mussten: die inneren Vorbehalte gegen unsere Freunde, den Ärger über banale, aber kränkende Bemerkungen von Kollegen, unser Interesse an eher ungewöhnlichen Sexualpraktiken. In der Liebe, so glauben wir, gibt es keine Heimlichkeit.

Nach und nach wird uns jedoch bewusst, dass wir eine ganze Menge nicht sagen können. Zum Beispiel rund um das Thema Sex: Wir haben auf einer Dienstreise einen Kollegen beziehungsweise eine Kollegin geküsst und sind mit diesem Menschen fast im Bett gelandet. Wir haben eine Porno-Website entdeckt, die eine bestimmte sexuelle Vorliebe von uns perfekt bedient. Wir finden den Bruder beziehungsweise die Schwester unseres Partners sehr attraktiv. Die heimlichen Gedanken können aber auch viel allgemeiner sein: Der berufliche Blog des Partners über seine Erfahrungen in der Kundenbetreuung ist stinklangweilig. Das dunkelgrüne Halstuch, das sie so liebt, ist scheußlich. Sein alter Schulfreund, dem er sich noch immer sehr verpflichtet fühlt, ist (in unseren Augen) ein dämlicher Langweiler. Auf dem in Silber gerahmten Hochzeitsfoto ihrer Eltern, das sie liebevoll im Wohnzimmer aufgestellt hat, wirkt ihre Mutter unerträglich arrogant.

Die Liebe beginnt mit der Hoffnung, einem anderen Menschen endlich anvertrauen zu können, wer wir wirklich sind und was wir wirklich empfinden. Verliebtsein ist vor allem das befreiende Gefühl, ehrlich sein zu dürfen. Allerdings erzeugt das Teilen von Geheimnissen in uns – und in unserer gesamten Kultur – das starke, potenziell gefährliche Ideal, dass Liebende einander immer und in allem die Wahrheit sagen müssen.

Ehrlichkeit ist etwas Großartiges. Sie gehört untrennbar zu dem anrührenden Bild, das man vom Zusammensein zweier Menschen hat, und ist in den ersten Monaten einer Beziehung allgegenwärtig. Doch damit die Atmosphäre freundlich bleibt und die Liebe andauert, müssen wir irgendwann einsehen, dass viele Gedanken besser im Verborgenen bleiben.

Geheimnisse vor dem Partner können wie ein Verrat an der Beziehung erscheinen. Gleichzeit wäre die volle Wahrheit letztlich das Todesurteil für das Liebesverhältnis.

Vieles von dem, was wir eigentlich gern anerkannt und bestätigt sähen, würde selbst einen Menschen, der uns sehr gern hat, zutiefst verstören. Vor die Wahl zwischen Ehrlichkeit und Akzeptanz gestellt, entscheiden wir uns aus sehr verständlichen Gründen meist für die Akzeptanz.

Vielleicht denken wir dabei zu sehr an die schlechten Gründe, die für Verheimlichung sprechen, und zu wenig an die guten, die es nahelegen, dass wir uns wesentlich loyaler verhalten, wenn wir hin und wieder nicht die ganze Wahrheit sagen. Ehrlichkeit ist uns so wichtig, dass wir die Vorzüge der Höflichkeit vergessen haben, womit nicht das zynische, böswillige Zurückhalten wichtiger Informationen gemeint ist, sondern der Wunsch, den Partner mit den wahren, kränkenden Seiten unseres Wesens zu verschonen.

Es zeugt nämlich keineswegs von großer Liebenswürdigkeit, sich dem anderen unbedingt ständig ganz und gar zeigen zu wollen. Zurückhaltung, eine gewisse Selbstbeschränkung und die Bereitschaft, die richtigen Worte zu wählen, gehören genauso zur Liebe wie die Fähigkeit, sich ehrlich zu bekennen. Wer Geheimnisse nicht für sich behalten kann und im Namen des „Ehrlichseins“ Informationen preisgibt, die so verletzend sind, dass der andere sie nie vergessen wird, ist kein Freund der Liebe. So wie Eltern ihrem Kind niemals die ganze Wahrheit sagen sollten, müssen wir akzeptieren, dass es besser ist, die ganze Wahrheit über uns ein wenig zu verbrämen.

Dieser Blogeintrag ist ein Auszug aus dem Buch "Das Leid der Liebe" von The School of Life, erschienen bei Süddeutsche Zeitung -Edition. Preis: 12 € inkl. MwSt. Zu kaufen bei The School of Life, Lychener Str. 7, 10437 Berlin oder online hier.

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