Gut genug ist gut genug

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Hohe Ansprüche zu haben ist nobel und wichtig – man kann mit ihnen aber auch an einen Punkt gelangen, an dem sie zu einer Quelle unnötiger Panik und großer Probleme werden. Eine Möglichkeit, um unsere perfektionistischen Impulse zu bremsen, lieferte der britische Psychoanalytiker Donald Winnicott in den 1950ern. Winnicott spezialisierte sich auf die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern. In seiner Praxis begegnete er oft Eltern, die sich wie Versager fühlten: Vielleicht weil ihre Kinder es nicht auf die beste Schule geschafft hatten, weil es manchmal Streitigkeiten am Esstisch gab, oder weil die Wohnung nicht immer ordentlich war. Winnicotts entscheidende Erkenntnis war, dass diese Eltern aus einem ganz bestimmten Grund litten: übermäßige Hoffnung. Ihre Verzweiflung war eine Konsequenz ihres unbarmherzigen wie auch kontraproduktiven Perfektionismus.

Um ihnen dabei zu helfen, diesen abzuschwächen, entwickelte Winnicott eine charmante Formulierung: Diese Eltern mussten fühlen, dass sie „als Eltern gut genug“ waren. Er bestand darauf, dass kein Kind einen idealen Elternteil braucht. Es braucht lediglich einen passablen, recht anständigen, es meist gut meinenden, manchmal etwas mürrischen aber doch grundsätzlich vernünftigen Vater oder Mutter. Winnicott sagte dies nicht, weil er anspruchslos war, sondern weil er aus eigener Erfahrung den hohen Preis des Perfektionismus kannte. Er wusste: Um einigermaßen bei Verstand zu bleiben, müssen wir lernen, uns nicht selbst zu hassen, wenn wir unseren Ansprüchen nicht genügen. Sie sind so groß, dass ihnen ohnehin kein gewöhnlicher Mensch gerecht werden kann.

Das Konzept des "gut genug" wurde erfunden, um gefährlichen Idealen zu entkommen. Es wurde in Bezug auf Elternschaft entwickelt, kann aber auch auf das Leben generell angewandt werden, besonders in den Bereichen Arbeit und Liebe. Eine Beziehung kann "gut genug" sein, selbst wenn sie einige Schattenseiten hat. Vielleicht gibt es manchmal nur wenig Sex und viele Streitigkeiten. Vielleicht gibt es Momente der Einsamkeit und mangelnder Kommunikation. Trotzdem sollte nichts davon dazu führen, dass wir uns schräg oder übermäßig unglücklich fühlen. Es kann trotzdem "gut genug" sein. Ebenso kann ein Job, welcher "gut genug" ist, stellenweise auch sehr langweilig sein. Er wird nicht all unseren Talenten perfekt gerecht; wir werden kein Vermögen verdienen. Aber wir könnten einige echte Freunde gewinnen, Momente echter Begeisterung erleben und viele Tage müde, aber mit einem Gefühl beenden, etwas Echtes vollbracht zu haben.

Es bedarf einer Menge Mut und Geschick, um selbst ein ziemlich gewöhnliches Leben zu meistern. Sich den Herausforderungen von Liebe, Arbeit und Kindern zu stellen, ist bereits sehr heroisch. Wir sollten vielleicht öfter einen Schritt zurücktreten, um auf ein nicht-blauäugige, sondern sehr realistischen Art zu erkennen, dass unsere Leben "gut genug" sind – und das ist, für sich selbst gesehen, bereits eine sehr große Errungenschaft.

 

 

 

 

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