Der sanfte Mann

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Seit etwa 80 Jahren wird die Vorstellung, wie ein Mann sein sollte, stark von der Idee der „Coolness“ geprägt. Ob Humphrey Bogart, Jean-Paul Belmondo, Marcello Mastroianni, James Bond, Bob Dylan oder Benedict Cumberbatch: Das Idealbild des verführerisch coolen, toughen Mannes prägt unsere Medien. Der coole Mann ist nicht zu bemüht, man sieht ihn nie in Panik umherirren – aber trotzdem gelingt ihm alles. Er ist körperlich fit, kann mühelos Gipfel erklimmen und wenn er jemanden töten muss, wird er es mit minimalem Aufwand tun. Er macht sich keine Sorgen, ist souverän und selbstbewusst. Seine Hosen passen stets perfekt. Er drückt sich kurz und bündig aus und seine Worte sind immer auf den Punkt gebracht. Er ist unnachgiebig gegenüber jeglicher Autorität und sehnt sich gleichzeitig nicht nach der Macht selbst: Er ist unabhängig.

Das wesentliche Merkmal des coolen Mannes ist eine Aura der Unverwundbarkeit. Wenn das Haus brennt, schreit er nicht und ruft auch nicht die Feuerwehr. "Die Temperatur steigt, Baby", witzelt er zu seiner Freundin, als sie aus der Dusche kommt, um dann das Feuer beiläufig selber zu löschen. Wenn ein Kellner einen Cocktail über ihn verschüttet, wird der coole Mann nicht nervös; er zieht einfach seine Jacke aus, denn im Hemd sieht er noch besser aus.

Seit Jahrzehnten wird dieses Idealbild attraktiver Männlichkeit aufgebaut - beneidenswert, gut gekleidet und allseits begehrt. Gleichzeitig quält uns dieses Bild – vielleicht sogar täglich – durch die Kluft zwischen allgegenwärtigem Ideal und unserer Realität.

Aber es gibt noch eine andere – realistischere und wichtigere – Vision davon, was einen guten Mann ausmachen kann, welche bislang sehr viel weniger Aufmerksamkeit und Ermutigung erhalten hat, nämlich das genaue Gegenteil von dem, was man einen „harten Kerl“ nennt: der sanfte Mann.

 

180905 Zwischenbild Der sanfte Mann

Der sanfte Mann löscht nicht viele Brände selbst. Er hat auch niemanden getötet. Er ist sich stattdessen seiner eigenen Angst sehr bewusst. Er würde seine Waffe fallen lassen und auch offen zugeben, dass er dies getan hat. Das Bewundernswerte ist sein Verhältnis zu seiner Angst. Er ist sich ihrer bewusst, geht ehrlich und sogar humorvoll damit um – und ist gerade deswegen nicht überfordert. Der sanfte Mann hat ein gutes Gespür dafür, wie verletzlich wir alle sind. Also scheut er keine Mühen, um die Menschen in seinem Umfeld zu beruhigen, ihnen zu verzeihen und sie mit Wohlwollen zu behandeln. Er hat in seinem Leben schon einige dumme Dinge getan, er hat geliebte Menschen verloren, er hat falsche Entscheidungen getroffen. Aber genau diese Erfahrungen haben ihn großzügig gegenüber anderen gemacht. Wenn der Kellner den Cocktail verschüttet, lacht der warmherzige Held (er hat selbst ein paar verschüttet) und gibt ein großzügiges Trinkgeld, wenn er kann. Wenn er jemandes Namen vergessen hat, schämt sich der sanftmütige Mann und sagt – aufrichtig – "Es tut mir wirklich leid und ist mir sehr peinlich, aber es ist mir entfallen … Hilf mir bitte auf die Sprünge.". Wenn er etwas bei der Arbeit vermasselt hat, gibt der sanfte Mensch es zu, fühlt sich traurig, entschuldigt sich offen und erklärt so gut er kann, was eigentlich schief gelaufen ist und wie man es in Zukunft wieder in Ordnung bringen könnte.

Die Essenz dieses Mannes ist eine gut gehandhabte Verletzlichkeit. Er ist sich seiner Fehler und Schwächen bewusst, nutzt dieses Wissen aber, um mit seinem Wesen und seinem Humor eine Quelle der Bereicherung für seine Mitmenschen zu sein. Im Idealfall wird es eines Tages ebenso erstrebenswert sein, als „sanft“ bezeichnet zu werden, wie es aktuell für die Eigenschaft "cool" gilt. Es wird Listen der 100 fürsorglichsten Männer unter 40 Jahren geben; Jungen werden von der Schule nach Hause kommen und sich bei ihren Müttern beschweren: "Ich kriege es nicht hin, ich will sanfter sein"; Mädchen in angesagten Bars werden sich Gedanken darüber machen, wo die empathischen Jungs sitzen; und in der Seele eines jedes Mannes wird es eine Sehnsucht geben, so zärtlich wie möglich zu sein.

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