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Kleine Freuden: Der perfekt geplante Tag

Kleine Freuden: Der perfekt geplante Tag

Oft widmen wir unsere gesamte Zeit und Aufmerksamkeit der Suche nach den ganz großen Erfolgen und Erlebnissen. Dabei sind es häufig gerade die kleinen, unscheinbaren Dinge, die uns erfüllen und unser Leben besser machen können. Eine solche kleine Freude ist es, unseren Tag perfekt zu planen.

Es ist ein gutes Gefühl, sich mit einem großen Blatt Papier hinzusetzen und auszuarbeiten, wie wir einen typischen Tag oder eine typische Woche am besten durchplanen könnten. Es geht hier nicht um irgendwelche Fantasie-Szenarien oder Tagträume – wir planen kein Wochenende mit unserem heimlichen Schwarm oder einen abenteuerlichen Urlaub mit unseren besten Freund*innen.

Stattdessen soll der ideale Tagesablauf genau auf unsere aktuelle Lebenssituation abgestimmt sein und lediglich die Dinge, die wir ohnehin machen müssen, auf die für uns schönste Weise organisieren. Das bereitet uns so viel Vergnügen, weil wir nur allzu gut das bedrückende Gefühl kennen, wenn ein Tag vollkommen schiefläuft. Wir fühlen, wie uns das Leben durch die Finger gleitet, weil wir die Zeit, die wir haben, nicht klug nutzen.

Wir geraten in Panik, weil wir vier Dinge gleichzeitig und jetzt sofort, innerhalb der nächsten fünf Minuten, erledigen müssen: duschen, die Sachen von der Reinigung holen, drei Rechnungen online bezahlen und die Präsentation für kommende Woche fertigstellen. Die Vorstellung von einem idealen Zeitplan verbinden wir mit der Hoffnung, wir könnten entdecken, dass wir eigentlich genug Zeit haben – wenn wir nur lernen, sie richtig zu nutzen.

Dafür ist es gut, sich klar zu werden, worin unsere immer wiederkehrenden Arbeiten bestehen und jeder davon einen bestimmten Platz am Tag oder in der Woche zuzuweisen. Das chaotische Durcheinander einer Vielzahl unterschiedlicher Dinge, mit denen man vollauf ausgelastet ist, beginnt, sich in eine übersichtliche Aufstellung von sich wiederholenden Aufgaben zu verwandeln.

Unser Ausgangspunkt könnten die ganz offensichtlichen Fragen sein, die jeden Tag anstehen: Wann wollen wir aufstehen und wann schlafen gehen? Wann ist ein guter Zeitpunkt, um sich um die Korrespondenz zu kümmern? Wann soll man zu Abend essen und für wann ein bisschen sportliche Betätigung einplanen?

Ein besonderer Reiz liegt darin, Platz für Dinge zu schaffen, die normalerweise auf keiner To-do-Liste auftauchen.

Aber ein entscheidender Punkt, der dieser Sache einen besonderen Reiz verleiht, ist, Platz für Dinge zu schaffen, die normalerweise auf keiner To-do-Liste auftauchen. Da nehmen wir ein paar offensichtlich ziemlich exzentrische Punkte mit auf:

„10.35 Uhr: Ein Schläfchen halten.

15.00 Uhr: An jemanden denken, den ich nicht mag, und mir zwei Minuten langvorstellen, ich wäre dieser Mensch.

18.55 Uhr: Mir das Bild anschauen, das mich so melancholisch gemacht hat, und über meine Vergänglichkeit nachdenken.“

Es gibt also besondere Nischen für Dinge, von denen wir normalerweise nicht annehmen, man müsste sie planen: „Aus dem Fenster starren“ zum Beispiel oder „Eine Nektarine essen“. Man könnte einen speziellen „Marc-Aurel-Moment“ einplanen und einen Vorschlag des römischen Kaisers und Stoikers aufgreifen: Während man sich die Zähne putzt, könnten wir im Geiste eine Liste der Menschen aufstellen, denen wir dankbar sind, und sich an all das Gute erinnern, das uns diese Menschen getan haben.

Wenn wir uns einen Wochen- oder Monatsüberblick machen, können wir auch Zeiten für rituelle Ereignisse reservieren. Dienstags um 22.30 Uhr: „Einen kurzen Spaziergang machen und an eine bestimmte Zeit in der Kindheit denken“. In Woche darauf ist dann die Zeit an der Reihe, als wir auf die weiterführende Schule gekommen sind. „Wie war ich damals? Was war mir wichtig? Was war schwierig? Was lief gut?“ Und in zwei Wochen steht dann die Zeit zwischen zwölf und fünfzehn Jahren auf der Agenda, die Zeit der Pubertät.

Vermeintlich seltsame Aktivitäten können einen entscheidenden Beitrag für ein erfülltes Leben leisten.

Solche Aktivitäten können sich auf einem Zeitplan seltsam lesen, doch sind sie keineswegs unwichtig oder nicht des Nachdenkens wert. Wir übersehen nur leider den wichtigen Beitrag, den sie für ein erfülltes Leben leisten.

Die Schlüsselfrage ist, wie viel Zeit man jeder einzelnen Aufgabe widmen sollte. Schwierige Aufgaben verlieren ihren Schrecken, wenn wir sie in kleinere Häppchen unterteilen. Wenn Papierkram uns besonders langweilt, schieben wir am besten immer nur eine nervige Sache dieser Art ein. Auf dem Plan steht dann zum Beispiel: „Zwei Rechnungen online bezahlen“ (elf Minuten), bevor dann folgt: „Pausensnack – Salzgebäck und Emmentaler“.

Auf diese Weise vermeiden wir alles auf die lange Bank zu schieben. Ähnlich kann man mit Tätigkeiten verfahren, die wir gerne tun, die aber zu einem Problem werden können, wenn wir zu viel Zeit mit ihnen verschwenden. Auf unserem Zeitplan steht: „14.15 Uhr: Zeitung oder online Nachrichten lesen“. Hier können wir uns selbst Grenzen setzen, denn um 14.30 Uhr müssen wir uns schon um die Wäsche kümmern oder die Strategie der Personalbeschaffung überdenken. Es ist wunderbar, sich einen Überblick über das zu verschaffen, was in der Welt vorgeht – aber wenn wir sechsundfünfzig Minuten dafür verbraucht haben, fühlen wir uns hinterher oft so, als würden wir unsere Lebenszeit verschwenden.

Wir müssen uns nicht mehr selbst antreiben und quälen, um mit all dem, was wir tun sollten, voranzukommen.

Ein Tagesplan kann viel dazu beitragen, uns vor unseren eigenen schlechten Angewohnheiten zu schützen. Eines der ansprechendsten Versprechen eines Tagesplans ist, dass Dinge zur Gewohnheit werden. Wir müssen uns nicht erst entscheiden, sie zu tun, wir müssen auch keine besondere Willensanstrengung mehr aufbringen. Nach einem Dutzend Mal erledigen wir diese Dinge schon beinahe automatisch. Der Tag entwickelt seinen eigenen Fluss. Wir müssen uns nicht mehr selbst antreiben und quälen, um mit all dem, was wir tun sollten, voranzukommen.

Das Vergnügen, einen idealen Tagesplan aufzustellen, widerspricht der romantischen Vorstellung, derzufolge alles, was organisiert, geplant und regelmäßig ist, schlicht nicht schön sein kann. Die Vorstellung der Romantik verbindet Freude nur mit dem Seltenen und Unerwarteten, mit dem, was spontan geschieht, mit zufälligen und schicksalhaften Ereignissen.

Wir werden uns nicht unbedingt in allen Einzelheiten an diesen Tagesablauf halten. Vielleicht setzen wir auch nur einen Bruchteil davon überhaupt jemals um.

Das ist nicht ganz falsch – offensichtlich ereignen sich schöne und aufregende Dinge manchmal spontan und unerwartet. Aber diese Denkweise fördert eine ungünstige, negative Einstellung gegenüber dem Erwartbaren und allem, was im Voraus geplant ist. Wer so denkt, blickt verächtlich auf einen sorgfältig ausgearbeiteten Terminplan – und verpasst so eine andere und wesentlich weniger anerkannte Freude: die erfreuliche Vorstellung von einem Leben, das gut organisiert und geregelt ist – sorgfältig ausgearbeitet in einem farblich gekennzeichneten Terminplan.

Wir werden uns nicht unbedingt in allen Einzelheiten an diesen Tagesablauf halten. Vielleicht überarbeiten wir ihn gleich am nächsten Tag wieder, vielleicht setzen wir auch nur einen Bruchteil davon überhaupt jemals um. Aber der Gedanke an einen idealen Tagesplan hilft uns, ein bisschen besser zu verstehen, was wir brauchen, um besser organisiert, produktiver und ausgeglichener zu werden.

Mehr kleine Freuden findest Du in dem bei Süddeutsche Zeitung Edition erschienen Buch “Kleine Freuden – Großes Glück” (18 €).

By The School of Life

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