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Der Fremde an Deiner Seite

Der Fremde an Deiner Seite

Es gibt kaum ein häufigeres Phänomen in einer langjährigen festen Beziehung, als das Gefühl äußerster Langeweile – auch wenn wir das üblicherweise für uns behalten. Egal wie faszinierend unsere Partner*innen zu Beginn waren, und für wie vollkommen wir sie in der Theorie noch immer halten, letztlich finden wir uns doch in der unglücklichen Situation wieder, die meisten ihrer Anekdoten bereits zu kennen, ihre Reaktionen vorhersagen zu können, sie aus allen möglichen Blickwinkeln gesehen zu haben und nun nur noch mit einem matten Lächeln auf ihre seltsam vertrauten Scherze reagieren zu können.

Ohne tatsächlich untreu sein zu wollen, beginnt unser Blick im Laufe der Zeit zu wandern; wir verlieren uns im flüchtigen Anblick fremder Gesichter – ob in der U-Bahn oder im Supermarkt. In ihnen finden wir den Reiz und die Tiefe des Unbekannten.

Getrieben vom Anblick dieser faszinierenden und doch unerreichbaren Tiefen, werden wir reizbar und undankbar gegenüber der einen Person, die sich für ein Leben an unserer Seite entschieden hat.

Es ist verständlich, dass wir in der Liebe nach Neuem suchen. Ein üblicher Fehler besteht jedoch darin, zu glauben, dass dies bedeute, man müsse sich nach einem neuen Partner oder einer neuen Partnerin umschauen. In unserer Rastlosigkeit vergessen wir eine zentrale und befreiende Erkenntnis: dass diese Person, mit der wir schon so lange – vielleicht über Jahre hinweg – zusammen sind, uns im Grunde fremd ist.

Paradoxerweise sind uns unsere Partner*innen gerade deshalb fremd, weil wir glauben, sie zu kennen.

Paradoxerweise sind uns unsere Partner*innen gerade deshalb fremd, weil unsere körperliche Nähe und die gemeinsamen Routinen uns glauben lassen, dass wir sie bereits komplett kennen; und das hält uns davon ab, unserem Partner oder unserer Partnerin mit genau der selben Neugier zu begegnen, wie jenen, die wir gerade erst kennenlernen. Die Annahme unsere Partner zu kennen lässt unsere Neugier abstumpfen und treibt uns dazu, Lustlosigkeit und Unzufriedenheit, anstelle von Neugier und Begeisterung zu verspüren.

Zu Beginn einer Beziehung hilft uns unsere offensichtliche Unwissenheit. Es bleibt uns gar nichts anderes übrig, als mit den grundlegenden Aspekten zu beginnen: Familienstrukturen, Ausbildungs- und Karrierewege, Freundschaften und Reisen, kulturelle Vorlieben und alltägliche Gewohnheiten.

Erstaunlicherweise hören wir jedoch an einem gewissen Punkt auf und glauben, wir wüssten genug – in der Annahme, jemanden bereits nach etwa 150 Stunden Gespräch verstanden zu haben. So verlagert sich unser Fokus auf die Nachrichten, die jüngsten Vorfälle bei der Arbeit oder etwa darauf, wann denn das nächste Mal jemand vorbeikommt, der den Boiler überprüft. Wir erwarten keine großen Erkenntnisse mehr, und hören auf, uns auf sie einzustellen, geschweige denn nach ihnen zu suchen.

Wir scheitern darin, auf die andere Person zu übertragen, was wir über uns selbst wissen.

Dabei scheitern wir daran, unsere Partner*innen entsprechend jener zentralen Einsicht zu behandeln, die uns im Inneren sehr wohl vertraut ist: dass wir nie damit abschließen, unser Selbst kennenzulernen; dass nur ein recht kleiner Anteil unseres Selbst jemals von unserem Verstand ergründet und von uns oder anderen verstanden werden kann; und dass wir uns jahrelang mit unserem Bewusstsein beschäftigen können, ohne mehr als einen winzigen Teil davon zu erfassen. Auf dieselbe Weise verwechseln wir die Vertrautheit mit unseren Partner*innen damit, ihre Seele zu kennen und zu verstehen.

Die Ignoranz gegenüber der Vielschichtigkeit unserer Partner*innen ist nur ein Ausdruck unserer generellen, ermüdeten Einstellung gegenüber der Welt. Auch was unser Land, unsere Stadt oder unser Zuhause betrifft, mangelt es uns an Neugier. Auch in diesen Fällen sehen wir um uns herum allein die Profanität des Alltags – und neigen dazu, uns nach dem offensichtlich Exotischen und Fremden zu sehnen.

Die Kunst zeigt uns einen Gegenetwurf zu unserer undakbaren Geisteshaltung.

Ein Gegenentwurf zu dieser undankbaren Geisteshaltung findet sich in diversen Kunstwerken, welche voll von versteckten Apellen sind, mehr der Feinheiten und Schönheit wahrzunehmen, die uns im Alltäglichen begegnen. Über die Jahrhunderte hinweg haben geniale Künstler*innen ihr Talent dafür genutzt, genau dies auszudrücken; „Das faszinierende Sonnenlicht wahrzunehmen, wie es auf die Baumkronen trifft; die Feinheit des Wassers, wenn es sich am Ufer entlangkräuselt; und die Ehrwürdigkeit des Nebels, wenn er sich in der Dämmerung über die Landschaft legt …“. Sie fordern uns damit auf, jenes auf’s Neue zu betrachten, von dem wir glauben, es bereits zur Genüge gesehen zu haben.

An dieser Stelle lohnt sich ein Blick auf die Werke von Edouard Manet, der sich im Jahre 1880 mit frischem Blick einem Bund Spargel angenommen hat – das heißt, er hat sich das Frühlingsgemüse mit den frischen Augen eines Kindes oder auch eines Marsmenschen angeschaut, der gerade erst zu uns auf die Erde gekommen ist. Wo für unser Auge zuvor womöglich nur langweilige, weiße Stängel zu sehen waren, beobachtete der Künstler und brachte Lebendigkeit, Farbenpracht und Einzigartigkeit auf die Leinwand. Damit hat er aus einem bescheidenen Stück Essen ein faszinierendes Objekt gemacht, dass uns nun in einem neuen Licht erscheint und auf ganz neue Weise beschäftigt.

Im Stile Manets könnten wir auch unseren Partner oder unsere Partnerin so betrachten, als ob sie ein unbekanntes, wunderliches Objekt wären und andauernde Wertschätzung und Aufmerksamkeit verdienen. Wir könnten etwa damit beginnen, sie auf ein Date einzuladen – und dabei so mit ihnen sprechen, als ob wir kaum etwas über sie wüssten (was sich ja immer wieder bewahrheitet).

Mit neuer Bescheidenheit könnten wir all jene Bereiche ergründen, über die wir bei unserer Partnerin oder unserem Partner zu Beginn viel zu schnell hinweggesehen hatten und zu denen wir nie wirklich zurückgekehrt sind. Wie war denn eigentlich ihr Verhältnis zum Vater genau? Auf welche Art und Weise haben sie sich als Kinder missverstanden gefühlt? Worin verstehen ihre Eltern sie bis heute nicht? Beim Hauptgericht angekommen, könnten wir uns ihrem Beruf zuwenden: was verleiht ihrer Arbeit Sinn? In welchen Bereichen fehlt ihnen Selbstvertrauen? Auch mit ihren Ambitionen könnten wir uns auseinandersetzen: was ist immer noch reizvoll für sie? Worüber wären sie wohl enttäuscht, wenn sie es nie erreichen sollten? Welche Hoffnungen hegen sie für die Zukunft? Worin besteht, in ihren Augen, der Sinn des Lebens?

Was sind im Moment ihre intensivsten Fantasien?

Zu späterer Stunde könnten wir uns, auf ähnliche Weise, daran erinnern, dass wir auch in sexueller Hinsicht kaum etwas über sie wissen. Selbst wenn wir hunderte Male mit ihnen geschlafen und tausende Nächte neben ihnen gelegen haben (insbesondere dann!): wo wollen sie eigentlich am liebsten berührt werden? Was erregt sie? Was sind im Moment ihre intensivsten Fantasien? Wir könnten somit den Schleier des Halbwissens lüften, der uns bislang davon abgehalten hat, sie wirklich zu sehen und sie auf gebührende Weise „ausziehen“, ganz so als ob wir es zum ersten Mal täten.

Doch wir würden das nicht nur einmal tun, sondern als regelmäßige Übung, um uns den Partner oder die Partnerin als fortwährendes Mysterium zu vergegenwärtigen, das wir nur aufgrund von Irrtum oder Hybris als vertraut wahrnehmen konnten.

Mit diesen Techniken können wir etwas erkennen, das sowohl alarmierend als auch befreiend ist: wir müssen nicht zwangsläufig nach einer neuen Person suchen, um ein Gefühl von Aufregung wiederzuerlangen. Wir sollten nicht versuchen, neue Menschen mit unseren trüben Augen zu sehen. Die Kunst besteht darin, die uns bekannte Welt mit frischem Blick zu betrachten – ganz besonders jenen fremden Menschen, mit dem wir uns ein Bett teilen.

 


 

By The School of Life

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