Das Vergnügen, gemeinsam im Bett zu lesen

Lesen im Bett

Ein Schlafzimmer gegen 21 Uhr. Es ist ruhig, bis auf das Rascheln der Blätter im Garten. Wir sind Seite an Seite, aber jeder in einer anderen Welt. Einer von uns könnte in einem U-Boot unter dem arktischen Treibeis sitzen, der andere flitzt durch die Salons des Paris des 18. Jahrhunderts. Ab und zu berühren sich flüchtig unsere Zehen, ohne dass wir es merken.

Vielleicht strecken wir kurz unsere Hand aus, um den Nacken des Partners zu berühren, ehe wir eine Seite umblättern. Wir können unseren Partner leise atmen hören. Es gibt - glücklicherweise - überhaupt keine Notwendigkeit, etwas zu sagen. Und so geht es wohl für eine Stunde oder länger. Schlicht, gemütlich und schön. Und es natürlich ein Vergnügen, das unsere Gesellschaft von Natur aus nicht wahrnimmt oder wertschätzt.

Die unaufgeregten Freuden des Alltags

Wenn wir uns ausmalen sollen, wozu eine Beziehung gut ist, stellen wir uns typischerweise bunte Szenarien vor: leidenschaftlicher Sex, das Feiern eines Erfolgs am Arbeitsplatz, die Fahrt zum Flughafen für einen Kurzurlaub, das gegenseitige Ergründen der Seelen des anderen.

Und doch, wenn man die wahren Freuden einer Langzeitbeziehung betrachtet, ergibt sich ein ganz anderes Bild, weniger dramatisch, aber auch viel realer und auf seine eigene Art und Weise befriedigend: das wissende Lächeln, das uns unser Partner in Gegenwart eines Elternteils schenkt, welches in der Vergangenheit so schwierig für uns war; eine Fernsehserie Folge für Folge anzuschauen und sich über die Charaktere und Handlungsstränge lustig zu machen; auf dem Boden sitzend gewaschene Socken zu sortieren; zu plaudern, nachdem sich der Besuch verabschiedet hat; ein Bücherregal selber zusammenzubauen und darüber zu lachen, dass beide die Anleitung falsch verstanden haben.

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Symbol der Akzeptanz

Zu solchen heimlichen Freuden gehört auch das Vergnügen, gemeinsam im Bett zu lesen. In gewisser Weise steht es für eine wichtige psychologische Fähigkeit. Mit kaum jemand anderem könnten wir das teilen. Wenn die Welt gerechter wäre, würden wir uns Partner suchen, die nicht nur spektakuläre Sexeskapaden bieten und in einer Bar heiß aussehen, sondern auch solche, mit denen wir eines Tages in aller Stille ein Buch lesen können.

Gemeinsam zu lesen ist ein Symbol dafür, unser wahres Selbst teilen zu können, ohne Scham, Verlegenheit oder den Druck, etwas darstellen zu müssen. Wenn wir zusammen im Bett liegen, sind wir einfach so akzeptiert, wie selten sonst im Leben.

Langfristige Beziehungen sind zwangsläufig ein sehr kompliziertes Unterfangen. Zwei ehrgeizige, unabhängige authentische Menschen können nicht erwarten, sich aufeinander einzulassen, ohne dass Reibungen und Schmerz passieren.

Wir konzentrieren uns jedoch so sehr auf unsere Probleme, dass wir die friedlichen Momente oft für selbstverständlich halten, weil wir die ihr zugrundeliegende Leistung nicht zu schätzen wissen. Glamourös ist es nicht, aber zusammen mit jemandem im Bett lesen zu können, ist ein wichtiger Meilenstein und ein Zeichen großer Zuneigung. Wir sind besser dran, als wir denken.

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