Aus dem Fenster starren

190216 bt blog Fenster schauen

Wir neigen dazu, uns Vorwürfe zu machen, wenn wir aus dem Fenster starren. Eigentlich sollten wir lieber arbeiten, studieren oder die Punkte auf unserer To-do-Liste abarbeiten. Aus dem Fenster zu starren erscheint einem fast wie die perfekte Definition von Zeitverschwendung. Es bringt anscheinend nichts hervor und dient keinem Zweck, wir setzen es gleich mit Langeweile, Ablenkung und Sinnlosigkeit. Wenn wir neben einer Fensterscheibe das Kinn auf die Hände stützen und unsere Blicke in mittlerer Entfernung umherschweifen lassen, ist das nicht besonders hoch angesehen. Wir laufen nicht herum und verkünden: „Ich hatte einen wunderbaren Tag; als Höhepunkt habe ich aus dem Fenster gestarrt.“ Aber in einer besseren Gesellschaft würden die Leute möglicherweise genau das zueinander sagen.

So paradox es klingt, aber man starrt nicht aus dem Fenster, um zu beobachten, was draußen geschieht. Es ist vielmehr eine Übung, um herauszufinden, was uns umtreibt. Es ist leicht sich vorzustellen, man wüsste, was man denkt und empfindet und was so alles an Gedanken im Kopf herumkreist. Aber nur selten können wir das zur Gänze erfassen. Ungeheure Massen von Gedanken kreisen unentdeckt und ungenutzt in unserem Kopf und machen uns erst zu dem Menschen, der wir sind. Dieses Potenzial liegt brach. Es hält sich zurück und kommt auch nicht zum Vorschein, wenn man direkt danach fragt. Aber wenn wir aus dem Fenster starren und es richtig machen, dann bietet uns das die Möglichkeit, auf die kaum wahrnehmbaren Vorschläge und Sichtweisen der tiefer liegenden Schichten unseres Ichs zu hören. Platon hat folgende Metapher für unseren Geist entworfen: Die Ideen flattern in der Voliere unseres Kopfes herum wie Vögel. Aber damit die Vögel sich niederlassen können, brauchen wir Zeiten der Ruhe, frei von jeglichen Absichten – das hat Platon verstanden. Wenn wir aus dem Fenster starren, bietet sich uns eine solche Gelegenheit. Wir sehen, was in der Welt draußen so vorgeht: ein Fleckchen Unkraut behauptet sich gegen den Wind, ein grauer Häuserblock zeichnet sich hinter dem Nieselregen ab. Aber wir müssen nicht reagieren, wir haben kein übergeordnetes Interesse, und so bekommen die zaghafteren Bereiche von uns eine Chance, gehört zu werden, ähnlich wie die Kirchturmglocken in der Stadt, sobald nachts der Verkehr zum Erliegen gekommen ist.

Gesellschaften, deren oberstes Ziel die Produktivität ist, haben das Potenzial von Tagträumen noch nicht erkannt. Aber ein paar unserer bedeutendsten Einsichten kommen uns dann, wenn wir aufhören, etwas erreichen zu wollen, und stattdessen das kreative Potenzial respektieren, das im Tagträumen liegt. Das Träumen am Fenster ist eine kleine, strategisch wichtige Rebellion gegen die übermäßigen Ansprüche der unmittelbaren (aber letztlich unbedeutenden) Belastungen – zugunsten der unbestimmten, aber sehr ernsthaften Suche nach der Weisheit, die unentdeckt in unserem tieferen Selbst verborgen liegt.

Einige Freuden (wie die, aus dem Fenster zu schauen und sich Gedanken über das Leben zu machen) sind so still und ruhig, dass wir sie leicht übersehen. Wir nehmen sie gar nicht richtig wahr, obwohl es sie gibt – genau wie man vielleicht liebevoll geflüsterte Worte in einer lauten Bar nicht mitbekommt. Aber wenn wir das erst einmal begriffen haben, können wir unsere Aufmerksamkeit besser auf das lenken, was sich als zart und schön erweist. So ist es häufig mit den kleinen Freuden des Alltags. Es ist die Aufgabe der Kultur, uns diese Freuden vor Augen zu führen, damit sie eine wichtigere und nützliche Rolle in unserem Leben spielen können.

 Dieser Blogeintrag ist ein Auszug aus dem Buch "Kleine Freuden" von The School of Life, erschienen bei Süddeutsche Zeitung -Edition. Preis: 18 € inkl. MwSt. Zu kaufen bei The School of Life, Lychener Str. 7, 10437 Berlin oder online hier.

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