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Ängstlich-vermeidende Beziehungen – Können Paare mit unterschiedlichen Bindungsstilen funktionieren?

Ängstlich-vermeidende Beziehungen – Können Paare mit unterschiedlichen Bindungsstilen funktionieren?

Es gibt so viele Möglichkeiten, in der Liebe unglücklich zu sein, aber eine Art, der die moderne Psychologie besondere Aufmerksamkeit gewidmet hat, sind die zahlreichen Beziehungen, in denen eine der Parteien in ihren Bindungsmustern als vermeidend definiert wird – und die andere als ängstlich.

Die Bindungstheorie ist die Bezeichnung für eine Reihe von Überlegungen darüber, wie wir lieben und welche Rolle unsere Kindheit dabei spielt. Sie wurde ursprünglich von dem englischen Psychologen John Bowlby in den 50er und 60er Jahren entwickelt. Sie teilt die Menschheit in drei Kategorien ein, je nach unserer Fähigkeit, Beziehungen mit Zuversicht und Vertrauen zu führen.

Man geht davon aus, dass etwa 50 % der Bevölkerung einen sicheren Bindungsstil haben.

Zum einen gibt es Menschen, die eine sichere Bindung haben. Sie haben meist verlässliche und gute Kindheitserfahrungen gemacht und erwarten von Menschen, die sie lieben, positiv behandelt zu werden. Sie sind Glückspilze, die zu Empathie und Großzügigkeit fähig sind und ihre Bedürfnisse ehrlich und direkt mitteilen. Man geht davon aus, dass etwa 50 % der Bevölkerung einen sicheren Bindungsstil haben.

Von diesem idealen Bindungsmuster kann man insbesondere auf zwei Weisen abweichen. Diese zwei alternativen Muster werden häufig durch eine frühe elterliche Enttäuschung oder Traumata verursacht. Das erste Bindungsmuster wird als vermeidend bezeichnet, das zweite als ängstlich. Was die Dinge noch komplizierter und sehr heikel macht, ist die Tatsache, dass sich vermeidende und ängstliche Menschen häufig zu Paaren zusammenschließen (das ist Teil ihrer Pathologie), in denen ihre unterschiedlichen emotionalen Eigenheiten zu einer besonders belastenden Kombination zusammenfinden.

Eine ängstlich gebundene Person hat in einer Beziehung typischerweise das Gefühl, nicht richtig gewürdigt und geliebt zu werden. Sie wünscht sich wesentlich mehr Nähe, Zärtlichkeit, Berührung und Sex – und ist überzeugt, dass eine solche Partnerschaft im Grunde möglich ist. Die Person, mit der sie zusammen ist, erscheint ihr jedoch auf demütigende und verletzende Weise distanziert. Die andere Person scheint nie die gleiche Intensität zu wollen, wie sie sie anbieten. Die ängstlich gebundene Person ist sehr betrübt über die Kälte und Distanz des Partners oder der Partnerin und verfällt allmählich in Stimmungen des Selbsthasses und der Ablehnung, fühlt sich nicht geschätzt und missverstanden und empfindet Rachsucht und Groll.

Lange Zeit kann sie ihre Frustrationen verschweigen, bis schließlich die Verzweiflung ausbricht. Selbst zu einem äußerst unpassenden Zeitpunkt (vielleicht sind beide erschöpft und es ist schon weit nach Mitternacht), kann sie nicht darauf verzichten, die Probleme augenblicklich auszudiskutieren.

Es ist vorhersehbar, dass diese Art von Streitigkeiten sehr ungünstig verlaufen werden. Die ängstliche Person verliert die Ruhe, sie übertreibt und bringt ihre Argumente mit einer solchen Schärfe vor, dass der Partner oder Partnerin denken muss, die andere Person sei verrückt oder böswillig.

Mit dem Druck konfrontiert, mehr Wärme und Verbundenheit zu zeigen, zieht sich der vermeidende Partner instinktiv zurück und fühlt sich überfordert und bedrängt. Er oder sie wird abweisend und entzieht sich der Situation, was die Ängste des*der unsicheren Partner*in nur noch weiter steigert. Unterschwellig ärgert sich die vermeidende Person darüber, dass sie sich, wie sie es ausdrückt, “kontrolliert” fühlt – und hat den Eindruck, von der “Bedürftigkeit” des ängstlichen Partners ungerecht verfolgt, drangsaliert und eingeschränkt zu werden. Im Stillen phantasiert die Person vielleicht davon, mit jemand ganz anderem Sex zu haben, vorzugsweise mit einem völlig Fremden, oder in ein anderes Zimmer zu gehen und ein Buch zu lesen – aber wahrscheinlich keins über Psychologie.

Die Lösung

Es hilft ungemein zu wissen, dass es sich nicht nur um unsere ganz individuellen Beziehungsprobleme handelt, sondern um eine Art von Beziehung, von denen es – im wahrsten Sinne des Wortes – Millionen auf der Welt gibt. Noch besser ist es, wenn man weiß, dass die Ursachen des Leidens, die sich so persönlich und kränkend anfühlen, in Wirklichkeit allgemeine Phänomene sind, die von nüchternen Forscher*innen in Laborkitteln gut untersucht und kartiert wurden.

Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob wir unseren Impulsen nur nachgehen oder sie verstehen und erklären

Die Lösung liegt, wie immer, vor allem im Wissen. Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man seinen vermeidenden oder ängstlichen Impulsen nachgeht oder – was vorzuziehen wäre – ob man versteht, dass man sie hat, begreift, woher sie kommen, und sich und anderen erklärt, warum sie uns dazu bringen, das zu tun, was wir tun.

Wir – jedenfalls die meisten von uns – können in der Liebe nicht völlig gesund sein, aber wir können etwas fast ebenso Positives sein: Wir können zu Menschen heranwachsen, die sich dazu verpflichten, unser ungesundes, traumabedingtes Verhalten rechtzeitig zu erklären, bevor wir übermäßig wütend werden und andere zu sehr verletzen. Wir können lernen, uns für unsere Eskapaden zu entschuldigen, nachdem sie ihren Lauf genommen haben. Es gibt nur wenige Dinge, die im wahrsten Sinne des Wortes romantischer sind als wenn ein Paar gelernt hat, einander mit Witz und Gelassenheit zu sagen, dass es in eine vermeidende oder ängstliche Richtung getriggert wurde, aber alles tut, was es kann, um die Dinge in den Griff zu bekommen – und hofft, in Kürze wieder normal zu sein.

By The School of Life

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