Besserer Sex durch sexuelle Selbstakzeptanz

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Wir geben uns nur allzu gern der Täuschung hin, dass Sex heute eine einfache Sache ist – schließlich haben wir uns ja von den Tabus früherer Generationen befreit – doch weit gefehlt! Trotz aller zur Schau gestellten Offenheit ist und bleibt Sex eine außerordentlich komplizierte Angelegenheit. Wir tun uns ziemlich schwer, darüber zu reden, schämen uns und trauen uns oft nicht, unsere Sehnsüchte auszusprechen. Wenn wir an Fertigkeiten im Zusammenhang mit Sex denken, stellen sich die meisten für gewöhnlich die Versiertheit in erotischen Praktiken und sexuelle Leistungsfähigkeit vor. Was jedoch mindestens genauso wichtig ist und oft vergessen wird, ist, dass für guten Sex auch ganz andere, nämlich emotionale Fähigkeiten entscheidend sind - eine davon, die sexuelle Selbstakzeptanz. Dafür bedarf es dreierlei Dinge:

 

Einsicht in das Wesen unserer Begierde 

Wir empfinden Abscheu vor uns selbst, wenn wir das Gefühl haben, dass unser erotisches Verlangen den Ansprüchen des besseren Menschen in uns zuwiderläuft. Im Allgemeinen wollen wir freundlich, würdevoll, vernünftig und loyal sein, aber im entscheidenden Moment scheinen unsere erotischen Triebe ganz anderes im Sinn zu haben. In einer dramatischen Umkehrung unserer normalen Werteskala finden wir bei zunehmender Erregung heraus, dass wir womöglich sogar vergewaltigen oder vergewaltigt werden wollen; wir wollen jemandem eine Ohrfeige verpassen oder selbst geschlagen werden; wir wollen grob vorgehen oder vulgäre Dinge sagen; wir sehnen uns danach, Kleidungsstücke zu tragen, in denen wir uns sonst zu Tode schämen würden, oder wünschen uns, dass sich unser Partner ganz anders kleidet, als es unseren sonstigen Vorlieben entspricht. 

Wenn wir sexuell erregt werden, kann das richtige Paar High Heels oder der muskulöse Oberkörper unseres Partners zum Wichtigsten im Leben werden – selbst wenn solche Dinge in unserem Alltag keine hohe Priorität einnehmen. Eine sanfte, rücksichtsvolle Person kann tief erregt werden von der Vorstellung, einem gefühllosen Schurken ausgeliefert zu sein. Solche Fantasien gibt es in einer Vielzahl von Variationen, die jedoch alle in dieselbe Richtung weisen: dass unsere sexuellen Begierden für unser Selbst im Alltag vollkommen inakzeptabel sind.

Hier ist es wichtig, unsere anscheinend so bizarren erotischen Wünsche genauer und offener zu analysieren. Was wir wirklich im Sex suchen, ist im Prinzip etwas Bewundernswertes (das vollkommen mit unserer normalen Lebensweise harmoniert): Nähe zu einer anderen Person und warmherzige Anerkennung für das, was wir sind. Die Mittel mögen befremdlich sein, doch das Ziel ist es nicht. Wenn wir diesen Punkt ganz tief in uns verankern können, dann erkennen wir, dass wir innerlich viel weniger gespalten sind, als wir vermuten. Wir verhalten uns nicht konträr zu unserem besseren Selbst; wir leben es nur in weniger vertrauter Erscheinungsform aus.

 

Eine sichere Beurteilung des Unterschieds zwischen Fantasie und Handlung

Fantasien zu entwickeln ist eine rein menschliche Eigenschaft. Aus verschiedenen Gründen spielen sie eine wichtige Rolle bei der Sexualität. Die Fantasie hebt hervor, was in unseren Köpfen vorgeht, nicht, was unsere Körper tun. Zwischen Fantasien und ihrem Ausleben besteht ein großer Unterschied. Man kann sich eine Vergewaltigung vorstellen, ohne selbst zum Vergewaltiger zu werden oder wie einer zu sein. Es ist ja nicht so, dass eine Person, die Fantasien entwickelt, diese auch sofort in die Realität umsetzen will und gleich den Nächstbesten überfällt. Wenn wir beim Sex ein „Stück Scheiße“ oder ein „herzloser Schuft“ genannt werden wollen, dann wollen wir ja keineswegs in unserem Alltagsleben so gesehen und deshalb (zum Beispiel) entlassen, geschieden oder gar vor unseren Freunden dafür gehalten werden. Der erotische Reiz dieser Worte hat für uns nichts damit zu tun, wie wir normalerweise behandelt werden wollen. Es handelt sich dabei vielmehr um einen Ausdruck von Vertrauen und Intimität: Ich kann dir erlauben, diese Dinge zu mir zu sagen, weil ich dir ganz und gar vertraue, dass du sie nicht ernst meinst.
Wir müssen uns schon ganz sicher sein, dass der oder die andere uns im normalen Leben schätzt, bevor wir dieses Spiel mit Beleidigungen unserer Person erlauben können. Ganz im Gegensatz zum Gesagten ist die Beleidigung des andern nämlich eine Suche nach Liebe und Anerkennung. Auch sonst gehen wir nur bei unseren engsten Freunden das Wagnis ein, ihnen unsere geheimsten Schwächen, Ängste und Probleme anzuvertrauen: Wir wissen, dass sie dennoch weiterhin gut zu uns sind und uns unterstützen. Was von außen gesehen abscheulich wirken kann, ist in Wirklichkeit ein achtbares Unterfangen, unsere empfindlichsten Stellen einem Menschen zu offenbaren, der uns versteht. Was „primitiv“ und „ordinär“ erscheint, ist in Wirklichkeit zart und edel.

 

Eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie andere Menschen sind

Vergleiche mit anderen Menschen sind eine ständige Quelle von Zweifeln an der eigenen Normalität und Anständigkeit. Wir können uns oft selbst nicht akzeptieren, weil wir insgeheim glauben, dass andere Menschen – insbesondere diejenigen, die wir kennen und lieben – ein unkomplizierteres Sexualleben haben als wir selbst. Wir kennen alle unsere erotischen Fantasien, Obsessionen und Eigenarten, können uns aber kaum vorstellen, dass andere Menschen genauso denken. Kaum vorstellbar, dass der Kollege im korrekten Anzug oder die fürsorgliche Freundin hemmungslos masturbiert oder bei der Vorstellung erregt wird, von einem maskierten Fremden ausgepeitscht zu werden oder vom anderen Geschlecht zu sein. Es erscheint uns vulgär und erniedrigend, sie in diesem Licht zu sehen, selbst wenn solche Vorstellungen unsere eigene erotische Fantasie beflügeln. Nett wie wir sind, halten wir die anderen für weiser und bescheidener, als wir es selbst sind, mit dem fatalen Ergebnis, dass wir uns als sonderbar ansehen, obwohl wir sehr wahrscheinlich durchschnittlich sind.

Das Internet hat sich als recht zwiespältiges Instrument erwiesen, wenn es darum geht, herauszufinden, wie es mit der Sexualität anderer aussieht. Suchmaschinen können uns zwar offenbaren, dass wir mit unseren sexuellen Präferenzen bei Weitem nicht alleine dastehen, doch bringt uns das noch immer keine Klarheit darüber, was die Menschen um uns herum, an denen wir uns am stärksten orientieren, akzeptabel finden. Wir erfahren zwar, dass irgendwo da draußen Gleichgesinnte existieren, die wie wir eine erotisierende Wirkung verspüren, wenn sie sich als Pirat verkleiden oder wenn ihnen heißes Wachs auf die Brustwarzen geträufelt wird, empfinden uns aber immer noch als neben der Spur im Vergleich zu den Menschen in unserer direkten Umgebung.

Die Pornografie leistet uns hier einen Bärendienst. Die Menschen, die wir beispielsweise im Internet Dinge tun sehen, die uns erregen, sind so ganz anders als wir, so als wollten sie uns klarmachen, dass solche Praktiken nur von ihresgleichen, aber nicht von Leuten wie uns ausgeführt werden. Sie zeigen nicht auf, wie man unsere erotischen Interessen mit unserer Alltagswelt verknüpft. Sie sagen nicht: Da ist jemand, der sich so wie du für Biochemie, Gartenarbeit und die Renaissance interessiert und gleichzeitig eine sexuelle Vorliebe für pelzgefütterte Handschellen hat und es beim Liebesakt erregend findet, den anderen anzuspucken. Stattdessen vermitteln sie den Eindruck, dass Leute, die so etwas tun, außerhalb ihres Fetischismus keine Interessen haben und nicht sehr intelligent sind. Am Ende fühlt man sich keiner Gruppe zugehörig und als eine Art groteskes Mischwesen.

Beweise für sexuelles Fehlverhalten unter unseren Mitmenschen aufzuspüren schafft seltsamerweise keine Abhilfe. Stattdessen sollten wir unsere Vorstellungen ändern und einfach davon ausgehen, dass trotz scheinbarer Gegensätzlichkeit andere genauso komplex sind wie wir selbst. Es ist auch ein heilsamer Gedanke, uns in aller Bescheidenheit klarzumachen, dass wir selbst nichts Besonderes sind und andere über uns genauso denken wie wir über sie. Sie kennen von uns nur Äußerlichkeiten und werden uns nicht automatisch mit unseren ungewöhnlicheren Sexualwünschen in Verbindung bringen. Doch wir wissen, dass wir solche Gedanken, Empfindungen und Sehnsüchte haben. Praktische Logik führt uns daher zu der Erkenntnis, dass das, was auf uns zutrifft, auch für viele, viele andere gilt und wir deshalb gar nicht so seltsam sein können.

Diese Neuausrichtung unserer Vorstellungen verändert auch unsere Gefühle. Sie wirken unserem Selbstekel entgegen, indem sie uns zeigen, dass er unbegründet ist. Wenn wir uns das immer wieder sagen, bewegen wir uns auf eine ausgewogenere Haltung zu: Wir sind Individuen, aber keine besonders abartigen, und wir müssen nicht schlecht von uns denken, nur weil wir Empfindungen verspüren, die der normalen menschlichen Natur entspringen.

 

[Auszug aus unserem Buch "Sex", erschienen im Verlag Süddeutsche Zeitung Edition]

 

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