05/05/2026
emotionale Reife, Emotionen
Warum wir das Sprechen neu lernen müssen
Es ist allgemein bekannt, dass die Sprösslinge des Homo sapiens im Alter zwischen etwa einem und fünf Jahren langsam und mitunter etwas holprig etwas tun, das man „Sprechen lernen“ nennt.
Sie eignen sich einige Schlüsselwörter an – Mittagessen, Katze, Mama, Pups –, eignen sich eine erste Grammatik an und sind, sobald sie etwa so groß wie ein Stuhl sind, auf dem besten Weg zu dieser zentralen menschlichen Kompetenz.
Aber: Kurz nachdem sie sprechen gelernt haben, lernen Kinder auch, nicht zu sprechen. Anfangs sind sie noch nicht besonders gut in dieser Kunst, weshalb sie – für eine kostbare Zeit – sehr lustig und gelegentlich auch ziemlich anstrengend sind. Sie nutzen ihre neu erworbenen sprachlichen Fähigkeiten, im falschen Augenblick zu sagen „Oma stinkt“ oder „Tante Anna sieht aus wie eine Giraffe“.
Mit siebzehn kommt kaum noch etwas über unsere Lippen.
Und dann, zur teilweisen Erleichterung der Erwachsenen um sie herum, lernen Kinder tatsächlich, nicht mehr zu sprechen. Sie werden zu behutsamen Hüter*innen ihrer riskanteren Einsichten.
Vorbei sind die großen Fragen, die unhöflichen Bemerkungen und die unverblümten Geständnisse. Mit acht wissen sie schon, wie man sagt: „Mir geht es sehr gut, danke, und dir?“ Mit elf sagen sie vielleicht: „Es macht mir nichts aus, dass sich meine Eltern scheiden lassen, wir fahren dieses Jahr nach Disneyland.“ Und mit siebzehn kommen so gut wie alle Wunder und Schmerzen des Lebens nicht mehr über ihre Lippen.
Offensichtlich läuft da etwas schief. So sehr, dass man sagen könnte, das Erwachsenwerden hängt davon ab, den umgekehrten Weg einzuschlagen; von einem Prozess, in dem man sich wieder daran erinnert, wie man spricht – eher im emotionalen als im sprachlichen Sinn dieses Ausdrucks.
Wir erreichen echte Reife, wenn wir es wieder wagen, andere Menschen in das phänomenale Geheimnis und die Qual unseres Selbst einzubeziehen – mit all der Angst, Freude, den Fragen und Zweifeln, die damit einhergehen.
Das Schweigen über die entscheidenden Themen wird für uns zur Selbstverständlichkeit.
Es kann eine Weile dauern, bis uns bewusst wird, wie viel wir eigentlich nicht sagen. Das Schweigen über die entscheidenden Themen wird für uns zur Selbstverständlichkeit. Es geht nicht nur darum, dass wir andere täuschen. Wir haben sogar den Faden in uns selbst verloren und lassen so vieles unausgesprochen, dass wir all die Wut, die Angst oder die Freude, die auf einer tiefen Ebene durch uns strömen, gar nicht mehr wahrnehmen.
Stellen wir uns also ein gewagtes Experiment vor, das in gewisser Weise ebenso herausfordernd und lohnend ist wie das Erlernen einer neuen Sportart oder das Meistern eines neuen Rezepts. Stellen wir uns vor, wir würden versuchen, zwei, drei oder fünf Jahrzehnte Erfahrung ungeschehen zu machen, um zu dem ursprünglichen Zustand zurückzukehren, den wir in unserem früheren Zuhause kannten. Wir müssten natürlich einige Vorsichtsmaßnahmen treffen, aber es gehört zur Widersprüchlichkeit des sozialen Lebens von Erwachsenen, dass wir uns nicht in der Lage sehen, dies zu tun.
Wir müssen nicht zwischen Ehrlichkeit und Selbstzensur wählen
In Wahrheit stehen wir gar nicht vor einer so krassen Wahl zwischen emotionaler Ehrlichkeit und Selbstzensur. Es gibt bewährte Wege, gleichzeitig aufrichtig und freundlich, ehrlich und nicht einschüchternd zu sein. Wir können unsere Momente der Offenheit mit Leichtigkeit und gesundem Menschenverstand konstruktiv gestalten.
Zum Beispiel könnten wir etwas sagen wie: „Entschuldige bitte, ich will dich nicht vor den Kopf stoßen, aber gibt es da etwas, worüber ich mich ein bisschen aufrege, das ist nicht leicht zu erklären, also hab bitte etwas Geduld mit mir …“
Oder: „Es ist keinesfalls so, dass du mir nicht wichtig bist. Ich habe einfach Angst, dass du mich zurückweisen wirst, was wahrscheinlich erklärt, warum ich mich in den letzten Tagen so komisch verhalten habe.“
Oder: „Als ich gerade gesagt habe, ich denke über nichts Bestimmtes nach, stimmte das nicht. In Wahrheit mache ich mir gerade die ganze Zeit Sorgen, dass du den Sex mit mir nicht mehr magst“.
Oder: „Ich bin nicht wirklich einfach nur schlecht drauf; in Wahrheit quälen mich gerade schlimme Ängste und Sorgen.“
Wir haben die Botschaft verinnerlicht, dass es äußerst gefährlich ist, solche Wahrheiten preiszugeben. Niemand könnte je einen Einblick in das tatsächliche Ausmaß unseres Schmerzes, unserer Sorgen und Sehnsüchte gewinnen und danach trotzdem noch auf unserer Seite sein.
Doch dabei vergessen wir eine grundlegende Tatsache: dass wir uns alle, unter einer Schicht sozialer Täuschung, nach der Gewissheit sehnen, dass sich unsere verwirrenden, intimen Erfahrungen in den Köpfen anderer widerspiegeln. Wir sind alle verrückt, krank vor Sorge, völlig verloren und verzweifelt besorgt um unser Erscheinungsbild, unsere Erfolge und unsere Beliebtheit.
Wir sind charmanter, wenn wir ehrlich sind
Wir wirken charmanter, wenn wir unsere Meinung offen sagen, denn vieles, was uns unsympathisch macht, hängt letztendlich mit unserer unbewussten Unaufrichtigkeit zusammen.
Wir haben überhaupt keine Lust mit jemandem zu Mittag zu essen, aber sehen keinerlei andere Möglichkeit, als so zu tun, als ob wir Lust dazu hätten. Wir beenden Beziehungen nicht einfach, sondern können es nicht ertragen, unseren Wunsch danach einzugestehen, und wirken deshalb verwirrend und unreif.
Wie viel besser wäre es, wenn wir darauf vertrauen könnten, dass wir – wie kleine Kinder, nur noch mehr, da wir über mehr Selbstbeherrschung und Taktgefühl verfügen – am bezauberndsten sind, wenn wir uns so nah wie möglich an die tatsächlichen Gegebenheiten halten.
Wenn wir sagen können: „Das ist sehr schön, aber es fühlt sich für mich gerade nicht richtig an, es tut mir wirklich leid.“ Oder: „Ich bin wahnsinnig wütend, ein Teil von mir möchte schreien und um sich schlagen.“ Oder: „Ich mache mir keinerlei Hoffnungen, aber ich finde dich sehr attraktiv, und finde keinen guten Umgang damit.“ Oder: „Ich mache mir solche Sorgen, dass ich in deinen Augen versagt habe, es tut mir wirklich leid.“
Wir werden lernen, richtig zu leben, wenn wir aufhören, uns krankhaft für unsere Realität zu schämen.
Niemand hat uns gebeten, am Leben zu sein, niemand hat uns gebeten, so zu leiden, wie wir es tun; wir sind nicht daran schuld, wie schräg es ist, wir selbst zu sein.
Was in unserer Macht steht, ist, uns nicht von den Inhalten unseres Geistes einschüchtern zu lassen und unser Geschick und Intelligenz einzusetzen, um so viel davon wie möglich mit denen zu teilen, denen wir begegnen.