{"id":9535,"date":"2022-10-31T21:46:54","date_gmt":"2022-10-31T21:46:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theschooloflife.com\/berlin\/?p=9535"},"modified":"2024-09-24T11:08:29","modified_gmt":"2024-09-24T11:08:29","slug":"wie-nietzsche-uns-hilft-nicht-zu-verzweifeln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theschooloflife.com\/berlin\/blog\/wie-nietzsche-uns-hilft-nicht-zu-verzweifeln\/","title":{"rendered":"Wie Nietzsche uns hilft, nicht zu verzweifeln"},"content":{"rendered":"\n<p>Seltsam und zugleich faszinierend ist Nietzsches Begeisterung f\u00fcr ein Konzept, das er amor fati nannte, was aus dem Lateinischen stammt und als \u201eLiebe zum Schicksal\u201c \u00fcbersetzt werden k\u00f6nnte. Es meint die entschiedene Akzeptanz all dessen, was im Leben geschehen ist. Ein Mensch mit amor fati arbeitet sich nicht reuig an seiner Vergangenheit ab. Er nimmt hin, was passiert ist, das Gute und das Schlechte, das Falsche und das Kluge. Und er tut das mit einer Intensit\u00e4t und allumfassenden Dankbarkeit, die an enthusiastische Zuneigung grenzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Weigerung, die Vergangenheit zu bedauern und zu retuschieren, preist Nietzsche an vielen Stellen seines Werks als besondere Tugend. In seinem Buch \u201eDie fr\u00f6hliche Wissenschaft\u201c, das in einer f\u00fcr ihn pers\u00f6nlich sehr schwierigen Zeit entstand, schreibt der Philosoph:<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\"><em>\u201cDas Nothwendige nicht bloss ertragen, noch weniger verhehlen sondern es lieben\u201d<\/em><\/h3>\n\n\n\n<p>\u201cIch will immer mehr lernen, das Nothwendige an den Dingen als das Sch\u00f6ne sehen: so werde ich Einer von Denen sein, welche die Dinge sch\u00f6n machen. Amor fati: das sei von nun an meine Liebe! Ich will keinen Krieg gegen das H\u00e4ssliche f\u00fchren. Ich will nicht anklagen, ich will nicht einmal die Ankl\u00e4ger anklagen. Wegsehen sei meine einzige Verneinung! Und, Alles in Allem und Gro\u00dfen: ich will irgendwann einmal nur noch ein Ja-sagender sein!\u201d.<\/p>\n\n\n\n<p>Und ein paar Jahre sp\u00e4ter schreibt Nietzsche in \u201eEcce Homo\u201c:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMeine Formel f\u00fcr die Gr\u00f6sse am Menschen: Das Nothwendige nicht bloss ertragen, noch weniger verhehlen sondern es lieben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In vielen Bereichen des Lebens tun wir genau das Gegenteil. Wir k\u00e4mpfen gegen negative Ereignisse an \u2013 und wehren uns dagegen, ihre Rolle in unserem Leben zu akzeptieren. Wir weigern uns, den Fluss der Ereignisse zu lieben und umarmen. Sehr viel Zeit verbringen wir damit, unsere Fehler zu bilanzieren. Wir bedauern und beklagen die ungl\u00fccklichen Wendungen des Schicksals und w\u00fcnschen uns, es w\u00e4re anders gekommen. Wir hassen alles, was nach Resignation oder Fatalismus klingt. Wir wollen Dinge ver\u00e4ndern und verbessern: uns selbst, die Politik, die Wirtschaft, den Lauf der Geschichte. Darum begehren wir dagegen auf, die Fehler, Ungerechtigkeiten und all das Unsch\u00f6ne in unserer eigenen und der kollektiven Vergangenheit einfach so hinzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nietzsche selbst kennt diesen Trotz nur zu gut. In seinem Werk legt er gro\u00dfen Wert auf Handlung, Tatkraft und Selbstbehauptung. Sein Konzept des \u201eWillens zur Macht\u201d verk\u00f6rpert genau diese Haltung der Vitalit\u00e4t und \u00dcberwindung von Hindernissen.<\/p>\n\n\n\n<hr style=\"width: 100%; height: 1px; background-color: #000; margin-bottom: 30px; margin-top: 20px\">\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\">The School of Life<br><strong>Leading the AI-Transformation \u2013<\/strong> <strong>Gratis Workshop f\u00fcr HR <\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>KI ver\u00e4ndert Aufgaben, Rollen und Entscheidungsprozesse rasant. 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In Nietzsches Augen ist es nicht n\u00f6tig, konsequent zu sein. Wir sollten aber Gedanken zur Hand haben, die unsere Wunden heilen k\u00f6nnen. Nietzsche fordert uns darum nicht auf, uns zwischen glorreichem Fatalismus und energischer Willenskraft zu entscheiden. Er erlaubt uns vielmehr, je nach Gelegenheit auf die eine oder andere Haltung zur\u00fcckzugreifen. Er m\u00f6chte, dass unser geistiger Werkzeugkasten mehr als nur einen Satz von Ideen enth\u00e4lt: Wir brauchen sowohl den Hammer als auch die S\u00e4ge.<\/p>\n\n\n\n<p>Bestimmte Anl\u00e4sse erfordern vor allem die Weisheit einer willensgesteuerten Philosophie; andere verlangen, dass wir das Unvermeidliche akzeptieren, ja umarmen, und aufh\u00f6ren, dagegen anzuk\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Nietzsches eigenem Leben gab es Vieles, was er \u00e4ndern und \u00fcberwinden wollte. Er floh aus seiner restriktiven deutschen Familie in die Schweizer Alpen geflohen; er versuchte, der Enge der akademischen Welt zu entkommen und freier Schriftsteller zu werden; er wollte eine Frau finden, die ihm sowohl eine Geliebte als auch eine intellektuelle Seelenverwandte sein konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber in seinem Projekt der Selbsterschaffung und Selbst\u00fcberwindung lief eine ganze Menge schief. Seine Eltern, insbesondere seine Mutter und seine Schwester, gingen ihm nicht aus dem Kopf. Ihre, wie er fand, verr\u00fcckten Haltungen und Vorurteile (vor allem ihr Antisemitismus) schienen sich im gesamten b\u00fcrgerlichen Europa verbreitet zu haben. Seine B\u00fccher verkauften sich schlecht. Er war gezwungen, Freunde und Verwandte anzubetteln, um sich \u00fcber Wasser zu halten. Seine z\u00f6gerlichen, unbeholfenen Versuche, Frauen zu verf\u00fchren, stie\u00dfen auf Spott und Ablehnung. Auf seinen Wanderungen durch das Oberengadin und in den N\u00e4chten in seinem bescheidenen Holzchalet in Sils Maria muss ihm so manches Wehklagen und Bedauern durch den Kopf gegangen sein: \u201eH\u00e4tte ich doch an einer akademischen Karriere festgehalten; w\u00e4re ich bestimmten Frauen gegen\u00fcber doch nur selbstbewusster aufgetreten; h\u00e4tte ich doch nur in einem popul\u00e4reren Stil geschrieben; w\u00e4re ich doch nur in Frankreich geboren\u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\"><em>Amor fati war genau das, was er brauchte, um nach stundenlangen Selbstvorw\u00fcrfen wieder zur Vernunft zu kommen.<\/em><\/h3>\n\n\n\n<p>Weil solche Gedanken \u2013 die jeder von uns auf seine Weise hegt \u2013 so belastend und zerst\u00f6rerisch sein k\u00f6nnen, \u00fcberzeugte die Idee des amor fati Nietzsche umso mehr. Amor fati war genau das, was er brauchte, um nach stundenlangen Selbstvorw\u00fcrfen wieder zur Vernunft zu kommen. Die Idee beruhigt vielleicht auch uns, um vier Uhr fr\u00fch, wenn wir seit Mitternacht an uns selbst verzweifeln. Es ist die ideale Haltung, mit der ein unruhiger Geist die Vorzeichen der Morgend\u00e4mmerung begr\u00fc\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem H\u00f6hepunkt der amor fati-Stimmung erkennen wir, dass die Dinge gar nicht anders h\u00e4tten sein k\u00f6nnen. Denn alles, was wir sind und getan haben, ist in ein Netz aus Konsequenzen gewoben, das seit unserer Geburt besteht und nicht nach Belieben ge\u00e4ndert werden kann. Wir erkennen, dass das, was gut und das, was entsetzlich schiefgelaufen ist, zusammengeh\u00f6ren. Wir verpflichten uns, beides zu akzeptieren, statt destruktiv zu w\u00fcnschen, es w\u00e4re anders gekommen. Wir wissen, warum wir so unvollkommenen Wesen sind und alles in einem solchen Ausma\u00df vermasseln mussten. Von Anfang an sind wir auf bestimmte Katastrophen zugesteuert. Am Ende sagen wir unter Tr\u00e4nen, in die sich Trauer und eine gewisse Ekstase mischen, ein gro\u00dfes Ja zum Leben in seiner G\u00e4nze, in seinem absoluten Schrecken und den gelegentlichen Momenten \u00fcberw\u00e4ltigender Sch\u00f6nheit.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Brief an einen Freund, den er im Sommer 1882 schreibt, versucht Nietzsche, die neue Haltung der Akzeptanz, auf die er sich zu st\u00fctzen gelernt hat, um sich vor seinen Qualen zu sch\u00fctzen, auf den Punkt zu bringen: \u201e\u00dcbrigens bin ich von einer fatalistischen Gottergebenheit \u2013 ich nenne es amor fati \u23af dass ich einem L\u00f6wen in den Rachen laufen w\u00fcrde\u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sollten lernen, uns ihm dann, wenn wir mal wieder zu viel bereuen, anzuschlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"353\" 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is-style-outline\" style=\"text-align: center;\"><a style=\"font-size:15px;\" class=\"wp-block-button__link\" href=\"https:\/\/www.theschooloflife.com\/berlin\/events\/spring-retreat-klarheit-fokus-und-veranderung\/\">Mehr dazu<\/a><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img decoding=\"async\" width=\"1440\" height=\"1084\" src=\"https:\/\/assets.theschooloflife.com\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2025\/02\/26091807\/250325-Abschied-vom-Berufsleben-Kopie-2.jpg.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-30751\" style=\"object-fit:cover\" srcset=\"https:\/\/assets.theschooloflife.com\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2025\/02\/26091807\/250325-Abschied-vom-Berufsleben-Kopie-2.jpg.webp.webp 1440w, https:\/\/assets.theschooloflife.com\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2025\/02\/26091807\/250325-Abschied-vom-Berufsleben-Kopie-2-300x226.jpg.webp 300w, 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