{"id":475,"date":"2019-04-17T10:22:00","date_gmt":"2019-04-17T10:22:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theschooloflife.com\/berlin\/blog\/2019\/04\/17\/minimalismus-und-innere-unruhe\/"},"modified":"2024-09-24T11:46:48","modified_gmt":"2024-09-24T11:46:48","slug":"minimalismus-und-innere-unruhe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theschooloflife.com\/berlin\/blog\/minimalismus-und-innere-unruhe\/","title":{"rendered":"Einfachheit und innere Ruhe"},"content":{"rendered":"\n<p>Gute Eltern sind sich dar\u00fcber im Klaren, dass das Leben eines kleinen Kindes nur ein gewisses Ma\u00df an Aufregung vertr\u00e4gt:&nbsp;nach einem spannenden Nachmittag, einer Wohnung voller Leute und ihren mitgebrachten Geschenken, nach viel Rumtollen und Rumkuscheln, Geburtstagskuchen und Musik, ist es dann auch mal genug.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Kind wird langsam trotzig und schlie\u00dflich in Tr\u00e4nen ausbrechen. Kluge Eltern wissen, dass eigentlich alles in Ordnung ist,&nbsp;auch wenn ihr Kind gerade heult: es ist wahrscheinlich einfach nur m\u00fcde und sollte ins Bett.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gehirn muss erst mal alles sacken lassen und&nbsp;die vielen Eindr\u00fccke verarbeiten, die gerade gemacht wurden; und so werden die Vorh\u00e4nge zugezogen, das Kind wird sanft neben seine Spielsachen gebettet und ist bald eingeschlafen; Ruhe stellt sich ein, und jeder wei\u00df, dass das Leben in einer Stunde&nbsp;schon wieder ganz&nbsp;anders aussehen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Traurigerweise sind wir mit uns selbst oft weit weniger f\u00fcrsorglich. Wir planen eine Woche, in dener wir uns jeden Abend mit Freunden treffen, daneben 12 Meetings haben (wovon drei eine Menge an Vorbereitung ben\u00f6tigen), in der Nacht auf Mittwoch kurz in ein anderes Land jetten, um dort drei Filme zu sehen, 14 Zeitungen lesen, sechs Garnituren Bettw\u00e4sche wechseln, f\u00fcnf schwere Mahlzeiten nach 8 Uhr abends essen und 30 Kaffees trinken &#8211; und dann klagen wir aber dar\u00fcber, dass unser Leben nicht so entspannt verl\u00e4uft, wie wir es gerne h\u00e4tten und wir nah am psychischen Zusammenbruch sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir weigern uns, ernsthaft zu erkennen, wie viel von unseren fr\u00fchkindlichen Verhaltensweisen noch in uns vorhanden sind &#8211; und tun uns daher oft schwer, die Dinge ruhig und sehr gelassen anzugehen. Was sich dann als innere Unruhe bemerkbar macht, ist kein sonderbares Ph\u00e4nomen; es ist die logische Forderung unseres Gehirns, uns nicht st\u00e4ndig und auf ersch\u00f6pfende Art und Weise zu vielen \u00e4u\u00dferen Reizen auszusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die folgenden Vorschl\u00e4ge k\u00f6nnen uns dabei helfen, unser Leben zu vereinfachen:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Weniger Menschen &#8211; weniger Verpflichtungen&nbsp;&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Theoretisch betrachtet ist es ein Privileg, viele Menschen um sich zu haben und st\u00e4ndig viel unternehmen zu k\u00f6nnen. Aus psychologischer Sicht ist es jedoch unglaublich ersch\u00f6pfend und, letztlich, sogar gef\u00e4hrlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn die Ausdrucksweise etwas unzeitgem\u00e4\u00df und brutal erscheinen mag, und man durchaus etwas nuancierter an die Sache rangehen kann, so ist Nietzsche\u2019s Argument aktueller denn je:<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8220;Alle Menschen zerfallen, wie zu allen Zeiten so auch jetzt noch, in Sclaven und Freie; denn wer von seinem Tage nicht zwei Drittel f\u00fcr sich hat, ist ein Sclave, er sei \u00fcbrigens wer er wolle: Staatsmann, Kaufmann, Beamter, Gelehrter.&#8221;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00fcssen erkennen, dass das, was uns an einem Tag physisch machbar erscheint, nicht immer auch psychologisch klug oder machbar ist. Es mag ja durchaus m\u00f6glich sein, an einem Tag in eine oder zwei Hauptst\u00e4dte anderer L\u00e4nder zu reisen oder neben dem Haushalt auch eine Firma zu leiten, allerdings sollte es uns auch nicht \u00fcberraschen, wenn derartige Routinen fr\u00fcher oder sp\u00e4ter zum Zusammenbruch f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<hr style=\"width: 100%; height: 1px; background-color: #000; margin-bottom: 30px; margin-top: 20px\">\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\">The School of Life<br><strong>Leading the AI-Transformation \u2013<\/strong> <strong>Gratis Workshop f\u00fcr HR <\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>KI ver\u00e4ndert Aufgaben, Rollen und Entscheidungsprozesse rasant. 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Und wenn wir das nicht unterbringen, dann m\u00fcssen wir uns zumindest dar\u00fcber bewusst werden, wie ersch\u00f6pft wir sind, sodass wir unsere Sorgen nicht noch durch die Suche nach einer abstrusen Erkl\u00e4rung daf\u00fcr verschlimmern. Wir m\u00fcssen nicht gleich die Scheidung einreichen, unseren Karrierepfad radikal \u00e4ndern oder auswandern: wir m\u00fcssen uns nur mal etwas Ruhe g\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Medien<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Menge an Reizen, die auf uns einprasseln, wenn wir unsere Smartphones checken ist vermutlich f\u00fcr sich genommen die gr\u00f6\u00dfte Ursache f\u00fcr unsere psychische \u00dcberforderung. Historisch betrachtet, war es die meiste Zeit undenkbar so etwas wie ein \u201czu viel an Neuigkeiten\u201d zu haben. Informationen aus politischen Kreisen oder anderen L\u00e4ndern war selten, hochgesch\u00e4tzt und teuer (es war genauso unwahrscheinlich sich daran \u201csatt zu fressen\u201d, wie an einem Schokoriegel). Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts wurden Neuigkeiten jedoch f\u00fcr jeden zug\u00e4nglich und so zu einem gro\u00dfen Risiko f\u00fcr unsere mentale Gesundheit &#8211; auch wenn das Bewusstsein daf\u00fcr immer noch schwach ausgepr\u00e4gt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>In jeder Minute eines jeden Tages dr\u00e4ngen sich uns unz\u00e4hlige Gelegenheiten daf\u00fcr auf, unsere K\u00f6pfe mit den Schicksalen fremder Menschen auf unserem so gesch\u00e4tzten Planeten zu \u00fcberladen, von Manie, Ausbeutung, und Rohheit zu R\u00fcckschl\u00e4gen, Ambitionen, Triumphen, Wahnsinn, bis hin zu gef\u00fchlten Weltunterg\u00e4ngen. St\u00e4ndig fordern immer neue Nachrichtenseiten von uns, irgendetwas wissen zu m\u00fcssen, und das nat\u00fcrlich sofort. Was sie allerdings vergessen zu sagen ist, dass wir mindestens genauso oft &#8211; wenn nicht sogar in noch weitaus st\u00e4rkerem Ma\u00dfe &#8211; vieles nicht wissen m\u00fcssen: einfach, weil wir im Prinzip gar nichts \u00e4ndern k\u00f6nnen, weil die Geschichten zu gewaltvoll, entmutigend und traurig sind, weil wir zu verletzlich sind, st\u00e4rkere Verpflichtungen in unserem n\u00e4heren Umfeld haben, oder zu allererst unser eigenes Leben auf die Reihe bekommen m\u00fcssen statt uns von den Geschichten jener verzehren zu lassen, die uns letztlich so fremd sind, so unbedeutend f\u00fcr uns sind wie die Einwohner des \u00c4gyptens unter K\u00f6nig Sneferu im Jahre 2.613 vor Christus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ern\u00e4hrung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es macht uns langsam wahnsinnig, st\u00e4ndig damit konfrontiert zu werden und dann auch noch in so spezieller und st\u00e4ndig wechselnder Form, aber grunds\u00e4tzlich m\u00fcssen wir &#8211; kurz gesagt &#8211; weniger und einfacher essen. Was die Ern\u00e4hrungsweise einer emotional aufgew\u00fchlten Person betrifft, gen\u00fcgt es an dieser Stelle vielleicht zu sagen, dass sie wohl N\u00fcsse, ein paar Spalten eines Apfels, Oliven, Marillen und Schwarzbrot beinhalten sollte. Der K\u00f6rper ben\u00f6tigt l\u00e4ngere Phasen, in denen er sich nicht um das Verdauen von Essen k\u00fcmmern muss, um die oft eigenwillige Di\u00e4t unserer turbulenten Psyche verarbeiten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gedanken<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Schlaflosigkeit und innere Unruhe sind die Rache des Geistes f\u00fcr all die Gedanken, die wir w\u00e4hrend des Tages von unserem Bewusstsein fernhalten.&nbsp;Um zur Ruhe zu kommen, m\u00fcssen wir uns etwas Zeit daf\u00fcr freischaufeln, nichts anderes zu tun, au\u00dfer mit Block und Stift ausgestattet im Bett zu liegen und nachzudenken. Drei Fragen m\u00fcssen wir uns dabei im Besonderen stellen:<\/p>\n\n\n\n<p>-Was ist es, das mich so unruhig sein l\u00e4sst?<\/p>\n\n\n\n<p>-Wer f\u00fcgt mir Schmerz zu und auf welche Weise?<\/p>\n\n\n\n<p>-Was begeistert und fasziniert mich auf?<\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00fcssen uns durch die chaotischen Bereiche unseres Geistes k\u00e4mpfen. Jede Stunde unseres Lebens erfordert mindestens 10 Minuten der Sichtung und \u00dcberpr\u00fcfung. Wir m\u00fcssen uns quasi dadurch Orientierung in der Geschichte unseres nie stillstehenden Lebens verschaffen, indem wir die n\u00e4chsten paar Paragraphen selbst schreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sollten auch etwas vorausdenken. Auf einem anderen Block sollten wir uns notieren, \u201cwas auf uns zukommen wird\u201d. Mit einem bisschen von der F\u00fcrsorge, die Eltern ihrem Kind entgegenbringen, wenn es darum geht, den n\u00e4chsten Schultag zu bew\u00e4ltigen (was oft schon zum etablierten Teil von uns geh\u00f6rt; wir m\u00fcssen uns selbst gegen\u00fcber jedoch noch bessere Eltern werden), sollten wir die Herausforderungen kommen sehen, die vor uns liegen: wann wir das Taxi bestellen sollen, wie wir unsere Telefonate einteilen, wie wohl das weniger erfreuliche Gespr\u00e4ch mit einem Kollegen verlaufen wird. Erfahrungen wie diese verlieren zumindest ihre halbe, belastende Kraft, wenn wir sie am Tag davor bereits in unseren K\u00f6pfen durchgespielt haben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Erwartungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich mag es ganz nett sein, &nbsp;au\u00dfergew\u00f6hnlich, ber\u00fchmt und weltbester zu sein; eine viel gr\u00f6\u00dfere Leistung ist es&nbsp;aber vielleicht, geistig gesund und nett zu bleiben. Demnach w\u00fcrden wir uns vielleicht nicht daf\u00fcr entscheiden, die Welt zu erobern, als vielmehr stattdessen ein l\u00e4ngeres, gelasseneres Leben f\u00fchren zu k\u00f6nnen. Dabei weichen wir nicht vor einer Herausforderung zur\u00fcck; eher lenken wir unseren Blick der wirklichen Aufgabe zu &#8211; und, was noch wichtiger ist, auf die eigentliche Belohnung. Ein ruhiges Leben muss nicht unbedingt von Resignation oder R\u00fcckzug gepr\u00e4gt sein, sondern kann auf der \u00fcberaus weisen Erkenntnis beruhen, dass die wirklich erf\u00fcllenden Dinge abseits vom Scheinwerferlicht und den gro\u00dfen St\u00e4dten zu finden sind, weit weg vom manischen, schlafraubenden Wettbewerb um Status und Karriere &#8211; auch ohne gro\u00dfe materielle Reicht\u00fcmer.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sch\u00f6nheit &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es w\u00e4re \u00fcberaus hilfreich, wenn wir unsere innere Ruhe auch unabh\u00e4ngig von einer sch\u00f6nen Aussicht oder Raumdekoration finden k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings sind wir leider viel empfindsamer. Genauso wie es f\u00fcr kleine Kinder hilfreich sein mag, einen Raum in einem sanften lila zu halten, kann es f\u00fcr unser Innenleben unheimlich positiv sein, nur wenige Objekte in unserem unmittelbaren Blickfeld zu haben &#8211; und die vorhandenen in harmonischer Anordnung vorzufinden (idealerweise mit etwas Symmetrie und sich wiederholenden Formen).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Welt, wie wir sie visuell wahrnehmen, verwandelt sich nicht auf magische Weise in eine Stimmung; sie kann aber durchaus eine bef\u00f6rdern und anregen. Wir m\u00fcssen daher alles unternehmen, um unser Zuhause so zu gestalten, dass es auf visueller Ebene die Ruhe verspricht, nach der wir uns auf einer psychologischen sehnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie wir also sehen, ist Aufregung f\u00fcr eine gewisse Zeit lang ganz nett; bis sie uns irgendwann umbringt. In der Einfachheit liegt die wahre Weisheit; wir brauchen mehr Nickerchen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Bild: Sarah Dorweiler<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"353\" src=\"https:\/\/assets.theschooloflife.com\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2025\/06\/08185910\/240312-Blog-School-Hinweis-Kopie-1024x353.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-31283\" srcset=\"https:\/\/assets.theschooloflife.com\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2025\/06\/08185910\/240312-Blog-School-Hinweis-Kopie-1024x353.webp 1024w, https:\/\/assets.theschooloflife.com\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2025\/06\/08185910\/240312-Blog-School-Hinweis-Kopie-300x103.webp 300w, https:\/\/assets.theschooloflife.com\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2025\/06\/08185910\/240312-Blog-School-Hinweis-Kopie-768x265.webp 768w, 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class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img decoding=\"async\" width=\"1440\" height=\"1084\" src=\"https:\/\/assets.theschooloflife.com\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2025\/01\/26091622\/250325-Spring-Retreat-Kopie-1.jpg.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-30750\" style=\"object-fit:cover\" srcset=\"https:\/\/assets.theschooloflife.com\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2025\/01\/26091622\/250325-Spring-Retreat-Kopie-1.jpg.webp.webp 1440w, https:\/\/assets.theschooloflife.com\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2025\/01\/26091622\/250325-Spring-Retreat-Kopie-1-300x226.jpg.webp 300w, https:\/\/assets.theschooloflife.com\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2025\/01\/26091622\/250325-Spring-Retreat-Kopie-1-1024x771.jpg.webp 1024w, 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