{"id":422,"date":"2018-12-21T06:39:00","date_gmt":"2018-12-21T06:39:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theschooloflife.com\/berlin\/blog\/2018\/12\/21\/die-kunst-das-leben-nicht-zu-bereuen-interview-mit-irvin-d-yalom\/"},"modified":"2024-03-29T11:29:46","modified_gmt":"2024-03-29T11:29:46","slug":"die-kunst-das-leben-nicht-zu-bereuen-interview-mit-irvin-d-yalom","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theschooloflife.com\/berlin\/blog\/die-kunst-das-leben-nicht-zu-bereuen-interview-mit-irvin-d-yalom\/","title":{"rendered":"Die Kunst, das Leben nicht zu bereuen &#8211; Interview mit Irvin D. Yalom"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Als ich in der klaren, von zarten Sonnenstrahlen durchdrungenen Morgenluft \u00fcber den gehegten und gepflegten Campus der Stanford Universit\u00e4t spaziere, fallen mir zwei Dinge ein, die Irvin Yalom in seinen k\u00fcrzlich erschienenen Memoiren beschrieben hat. Erstens, dass er sich gl\u00fccklich sch\u00e4tzt, an dem Ort mit dem seiner Meinung nach besten Wetter der Welt zu leben. Und zweitens, dass seine beh\u00fctete Existenz, frei von gro\u00dfen Schicksalsschl\u00e4gen, f\u00fcr einen Therapeuten eine B\u00fcrde bedeuten kann. Dies gilt auch und vielleicht gerade f\u00fcr einen Therapeuten wie ihn, der sich mit den gro\u00dfen Fragen des Lebens besch\u00e4ftigt: dem Tod, der Freiheit, der Vereinzelung und dem (Un)Sinn des Lebens.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Irvin Yalom ist ein ber\u00fchmter Schriftsteller, bekannt f\u00fcr Romane wie \u201eUnd Nietzsche weinte\u201c oder \u201eDie Schopenhauer Kur\u201c, die nicht nur hierzulande Bestseller waren. In seinen B\u00fcchern verbindet er philosophische Gedanken mit seinen Erfahrungen und Ansichten als Psychotherapeut. Er ist ja nicht zuletzt einer der Begr\u00fcnder eines eigenen Zweiges der Psychotherapie, der existentiellen Psychotherapie. Gleichzeitig hat er in seiner Karriere wichtige Impulse f\u00fcr gruppentherapeutische Ans\u00e4tze geliefert, die die Psychotherapie nachhaltig beeinflusst haben.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>In einem Live-Video-Interview veranstaltet von The School of Life Berlin hatte ich die Gelegenheit, ihm Fragen \u00fcber sein Leben als Schriftsteller, Therapeut und \u00fcber den Menschen Irvin Yalom zu stellen. Dabei erschien er in \u00dcberlebensgr\u00f6\u00dfe auf der Leinwand des Kinos Babylon Mitte in Berlin. Wenige Tage sp\u00e4ter treffen wir uns auf dem Campus der Stanford University in der N\u00e4he von San Francisco. Ich habe mich mit ihm im Faculty Club der Universit\u00e4t zum Mittagessen verabredet. Als ich ihn erblicke, bin ich von seiner fragilen Erscheinung \u00fcberrascht. Ich erinnere mich an die Fotos aus seinem Leben, die in seinen Memoiren enthalten sind. Darin hat er stattlicher gewirkt. Aber heute, mit 86 Jahren und einem Gehstock bewaffnet, ist es zun\u00e4chst schwer, seine schm\u00e4chtige Gestalt mit seiner Wirkungsmacht als Autor und Therapeut in Einklang zu bringen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Diskrepanz zwischen der \u00fcberlebensgro\u00dfen Erscheinung als Autor und Therapeut und der hageren Erscheinung als Mensch ist jedoch schnell \u00fcberwunden, als ich ihm gegen\u00fcbersitze und er mit einer Stimme meine Fragen beantwortet, die stets warm und freundlich ist. Das folgende Interview ist aus beiden Unterhaltungen entstanden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Martin Ebeling: Herr Yalom, wie ist die Anspielung auf Nietzsche im Titel Ihrer Memoiren zu verstehen? Der Titel Wie man wird, wer man ist (engl. Becoming Myself) legt ja nahe, dass Sie mit Nietzsches These \u00fcbereinstimmen, dass der Akt der Selbsterschaffung auf ein Leben abzielen muss, zu dem wir schicksalsm\u00e4\u00dfig bestimmt sind.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Irvin Yalom: Bevor ich diese Frage beantworte, eine Bemerkung zum Titel: Dieser Titel war gar nicht mein Favorit. W\u00e4re es nach mir gegangen, tr\u00fcge das Buch als Titel ein anderes Nietzsche-Zitat aus Zarathustra: \u00bbWar das das Leben? Wohlan! Noch Ein Mal!\u00ab Doch der Verlag hat den Titel abgelehnt und mir wiederum vorgeschlagen, das Buch schlicht \u201eWar das das Leben?\u201c zu nennen \u2013 eine schreckliche Alternative! Das klingt so, als w\u00e4re ich von meinem Leben entt\u00e4uscht. Und wir k\u00f6nnen Nietzsche so verstehen, dass er \u00fcber das Bereuen spricht. Bereuen tue ich in meinem Leben nur wenig. Im Gro\u00dfen und Ganzen w\u00fcrde ich es also noch einmal so leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frage des Bereuens hat mich \u00fcbrigens lange in meiner therapeutischen T\u00e4tigkeit mit todkranken PatientInnen besch\u00e4ftigt. Dabei habe ich sie oft gefragt: \u201eK\u00f6nnen Sie Sich vorstellen, ein Leben zu leben, in dem Sie nichts bereuen? Wie s\u00e4he so ein Leben f\u00fcr die n\u00e4chsten ein oder zwei Monate aus?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Martin Ebeling: Vielleicht kann ich die Frage dann anders formulieren: K\u00f6nnen Sie Sich vorstellen, ein radikal anderes Leben gelebt zu haben und trotzdem heute so wenig zu bereuen?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Irvin Yalom: Nein, das kann ich nicht. Ein Leben als reiner Schriftsteller w\u00e4re eine Alternative gewesen. Mein Interesse galt immer der Literatur, und bis heute gehe ich nicht ins Bett, ohne davor wenigstens einige Seiten eines Romans gelesen zu haben. Zurzeit lese ich \u00fcbrigens Moby Dick, den besten amerikanischen Roman \u00fcberhaupt. Meine Eltern waren aber arme j\u00fcdische Immigranten, deren gr\u00f6\u00dfter Wunsch es war, ein Teil der amerikanischen Gesellschaft zu werden. F\u00fcr uns bedeutete dies damals, dass wir \u00c4rzte werden mussten. Es gab da einen Witz: Wir k\u00f6nnen uns zwischen zwei Dingen entscheiden. Entweder wirst du ein Arzt, oder du wirst ein Versager. Deshalb habe ich zun\u00e4chst den Weg \u00fcber das Medizinstudium gew\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Martin Ebeling: Gab es denn in Ihrem Leben Momente, in denen Sie Angst hatten, als Versager enden zu k\u00f6nnen?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Irvin Yalom: Ich war immer ein Mustersch\u00fcler und habe sehr hart gearbeitet. Deshalb hatte ich solche \u00c4ngste nicht. Einerseits musste ich das tun, um zum Medizinstudium zugelassen zu werden, und andererseits, um meine Frau dazu zu bringen, mich zu heiraten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Martin Ebeling: Aber es gab zumindest einen Moment, in dem Sie eine existentielle Entscheidung getroffen haben, die mit gro\u00dfer Unsicherheit verbunden war. Als Sie Professor an der Stanford University wurden, haben Sie Sich entschieden, sich intensiv mit Philosophie zu besch\u00e4ftigen und die Psychiatrie, Ihr eigentliches Fachgebiet, hinter sich zu lassen.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/assets.theschooloflife.com\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2021\/08\/13094415\/181217-Yalom-blog.jpg.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-424\" style=\"width:478px;height:250px\" width=\"478\" height=\"250\" srcset=\"https:\/\/assets.theschooloflife.com\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2021\/08\/13094415\/181217-Yalom-blog.jpg.webp.webp 400w, https:\/\/assets.theschooloflife.com\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2021\/08\/13094415\/181217-Yalom-blog-300x157.jpg.webp 300w\" sizes=\"(max-width: 478px) 100vw, 478px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Irvin Yalom: Als ich als Psychiater ausgebildet wurde, hatte ich eine Erleuchtung. Damals habe ich ein Buch von Rollo May gelesen, einem in den USA sehr einflussreichen Psychologen, das mich tief beeinflusst hat. May und europ\u00e4ische Psychologen wie Ludwig Binswanger haben \u00fcber den Tod und existentielle Fragen geschrieben. Dabei ist mir zum ersten Mal bewusstgeworden, dass die wichtigen Ideen in meinem Gebiet nicht mit Freud ihren Anfang nahmen, sondern viel \u00e4lter sind. Wir finden sie schon in den Anf\u00e4ngen der Philosophie bei Aristoteles und vor allem bei Epikur. Deshalb habe ich angefangen, ernsthaft Philosophie zu studieren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Martin Ebeling: Es gibt da vier zentrale Sorgen, die existentielle Denker als Strukturmerkmale der menschlichen Existenz identifiziert haben: unsere Angst vor dem Tod, unsere Freiheit, die mit der Verantwortung f\u00fcr unseren Lebensentwurf verkn\u00fcpft ist, unsere Isolation von anderen und die Suche nach einem Lebenssinn. Gibt es denn Muster, nach denen diese Themen in der Therapie auftauchen oder wie sie als Probleme \u00fcberwunden werden k\u00f6nnen?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Irvin Yalom: Das ist eine gro\u00dfe Frage. Ich habe mich viel mehr mit dem Tod befasst als mit den anderen Themen, die Sie genannt haben. Als Therapeut habe ich mich entschieden, mit todkranken Patienten zu arbeiten, um mehr \u00fcber die Angst vor dem Tod herauszufinden. Das hat dazu gef\u00fchrt, dass ich selber das Bed\u00fcrfnis hatte, in Therapie zu gehen, um mit der Angst vor meinem eigenen Tod zurande zu kommen. Zum Gl\u00fcck war damals der schon erw\u00e4hnte Rollo May gerade nach Kalifornien gezogen und hat sich meiner als Therapeut angenommen. Aber meine Angst vor dem Tod hat sich dabei wohl auf ihn \u00fcbertragen, er war schlie\u00dflich 20 Jahre \u00e4lter als ich. Heute begegnet mir der Tod auf sehr direkte Weise. Drei enge Freunde, mit denen ich als Medizinstudent Leichen seziert habe, sind allesamt letztes Jahr gestorben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Martin Ebeling: Sie hatten in Rollo May einen guten Therapeuten, anderen hilft die Religion, um mit der Endlichkeit des Lebens umzugehen. Sollten wir diejenigen beneiden, f\u00fcr die Religion eine so heilsame Wirkung hat?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Irvin Yalom: Ich habe zwar mal einen Preis daf\u00fcr bekommen, dass ich mich mit religi\u00f6sen Fragen besch\u00e4ftigt habe, aber das war sehr \u00fcberraschend. Meine Erfahrungen mit dem Judentum waren nicht sehr positiv und ich bin schon lange Atheist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Martin Ebeling: Wenn wir Ihre Erfahrungen mit dem Judentum f\u00fcr den Moment ausklammern, gibt es denn Religionen, die mehr Hilfe bieten als andere, wenn es darum geht, dem Tod und anderen existentiellen Fragen gegen\u00fcberzutreten?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Irvin Yalom: Ich glaube, Religionen lassen uns alle von einem Leben nach dem Tod tr\u00e4umen, aber darauf gibt es keinerlei Hinweise, eher im Gegenteil. Viele empfinden meine Einstellung als Anfeindung, aber wenn eine Religion meinen Patienten Trost spenden kann, w\u00fcrde ich dem nie widersprechen.<\/p>\n\n\n\n<hr style=\"width: 100%; height: 1px; background-color: #000; margin-bottom: 30px; margin-top: 20px\">\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\">The School of Life<br><strong>Leading the AI-Transformation \u2013<\/strong> <strong>Gratis Workshop f\u00fcr HR <\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>KI ver\u00e4ndert Aufgaben, Rollen und Entscheidungsprozesse rasant. 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Sie selbst haben schon in den 70ern Erfahrungen mit Meditation gesammelt, die allerdings eher abschreckend gewesen zu sein scheinen. Heute sagen Sie, Sie h\u00e4tten mehr Respekt und neues Interesse f\u00fcr das Meditieren gefunden.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Irvin Yalom: Das stimmt. Vor vielen Jahren habe ich in Indien einen Kurs bei dem ber\u00fchmten Meditationslehrer S. N. Goenka, besucht. Das war f\u00fcr mich leider keine hilfreiche Erfahrung. Ich habe aber heute einige buddhistische Freunde, die mich inspiriert haben, es wieder mit der Meditation zu versuchen, und ich meditiere manchmal vor dem Schlafengehen, um mich zu entspannen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Martin Ebeling: Aber gibt es da nicht einen fundamentalen Widerspruch zwischen der Idee der Achtsamkeit, die besagt, dass wir urteilsfrei unsere Gedanken und Emotionen beobachten sollen, und der Grundannahme der Psychotherapie, die dass wir uns intensiv mit beiden besch\u00e4ftigen sollen?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Irvin Yalom: Nein, ich glaube, dass Meditation wie Psychotherapie auch uns dabei helfen kann, mit unseren Sorgen umzugehen. Ein enger Freund von mir, dessen Frau vor kurzem gestorben ist, meditiert seit vielen Jahren, und ich war genauso wie auch er erstaunt, wie gut er mit diesem Verlust umgehen konnte. Seine Meditationspraxis hat ihm dabei viel geholfen. Ich respektiere das sehr, auch wenn mir das Meditieren nicht leichtf\u00e4llt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Martin Ebeling: Um nochmal auf den Titel Ihrer Memoiren zur\u00fcckzukommen. \u201eWerden, was ist man ist\u201c, das klingt nach einem recht einsamen Prozess. Gibt es Personen, die Ihnen dabei geholfen zu haben, zu werden, wer Sie sind?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Irvin Yalom: Da gibt es nat\u00fcrlich zun\u00e4chst meine Frau Marilyn. Wir haben uns kennengelernt als ich 15 und sie 14 Jahre alt war, und ich habe damals schon mit einem Freund darauf gewettet, dass ich sie heiraten werde. Marilyn war immer mein intellektueller Partner und hat selbst viele B\u00fccher geschrieben. Meine gr\u00f6\u00dfte Angst heute ist, ohne sie leben zu m\u00fcssen. Erst jetzt, w\u00e4hrend des Schreibens meiner Memoiren, ist mir aber auch bewusstgeworden, was f\u00fcr eine gro\u00dfe St\u00fctze viele Menschen w\u00e4hrend meiner Karriere als Psychiater und Therapeut waren. Ich habe mich also nicht ganz selbst erschaffen, obwohl ich lange dieses Bild von mir hatte. Das hatte wahrscheinlich mit meiner Armutserfahrung in der Kindheit zu tun und damit, dass ich in den ersten 15 Lebensjahren \u00fcberhaupt keinen Mentor hatte, niemanden, der mir Orientierung geboten h\u00e4tte in der Welt des Wissens.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Martin Ebeling: Sich selbst neu zu erschaffen kann auch mit hohen Kosten verbunden sein. Sie haben sich ja ganz von Ihren Wurzeln entfernt, sowohl geographisch als auch intellektuell. Aufgewachsen sind Sie als Sohn ungebildeter und mittelloser j\u00fcdischer Einwanderer, die das Leben, die Tr\u00e4ume, die Sorgen und den intellektuellen Horizont Ihres Sohnes nicht wirklich nachvollziehen konnten. In gewisser Weise kann man w\u00e4hrend der Selbsterschaffung also den Boden verlieren, auf dem man einst stand.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Irvin Yalom: Da ist viel Wahres dran. Ein Patient von mir, der ein sehr erfolgreiches Leben hatte, hat es einmal so ausgedr\u00fcckt: \u201eIch bin wie eine Lilie, die im Sumpf w\u00e4chst. Sie ist wundersch\u00f6n anzusehen, hat aber keine tiefen Wurzeln.\u201c Er hatte stets das Gef\u00fchl, deshalb vielleicht als jemand erkannt zu werden, der andere t\u00e4uscht. Und auch ich habe das Gef\u00fchl, dass mir die tiefen intellektuellen Wurzeln in meine eigene Vergangenheit fehlen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Martin Ebeling:<\/strong>&nbsp;Ist Schreiben f\u00fcr Sie dann eigentlich eine therapeutische T\u00e4tigkeit? In Ihren Memoiren schreiben Sie, dass es an der Zeit sei, Ihrem Vater f\u00fcr sein Schweigen Ihnen gegen\u00fcber zu verzeihen, und auch daf\u00fcr, dass er ein Immigrant war, ohne Bildung und mit wenig Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die eher trivialen Unw\u00e4gbarkeiten, denen sein Sohn im Leben begegnete. Hatte dieser \u00f6ffentliche Akt des Verzeihens vor Ihren Lesern auch einen therapeutischen Wert f\u00fcr Sie?<\/p>\n\n\n\n<p>Irvin Yalom: Das ist eine sehr interessante Frage, und die Antwort ist wohl ja. Das Schreiben ist zumindest eine Hilfe, auch wenn es keine Heilung mit sich bringt. Ich habe immer noch das Gef\u00fchl, dass ich nicht genug Dankbarkeit aufgebracht habe f\u00fcr das, was meine Eltern eben doch alles f\u00fcr mich getan haben. Es ist irgendwie auch seltsam, hier sitze ich mit 86 Jahren und k\u00e4mpfe immer noch mit meinen Erlebnissen in der Kindheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu diesem Thema muss ich eine kurze Geschichte erz\u00e4hlen. Vor kurzem hatte ich eine Patientin, die in ihrer Kindheit von ihrem Vater und anderen ihr nahestehenden Personen sexuell missbraucht wurde. In ihrer Jugend war sie dann drogens\u00fcchtig und in der Folge bei verschiedenen Suchttherapiezentren und hat sich kognitiver Verhaltenstherapie unterzogen. Aber dabei hat sie nie auf tieferer Ebene ihre Beweggr\u00fcnde und ihre Vergangenheit erforscht und Mitgef\u00fchl f\u00fcr sich selbst entwickelt. Ich habe dann etwas sehr Ungew\u00f6hnliches getan. Als sie das n\u00e4chste Mal zu mir kam, habe ich ihr ein Foto von dem Haus gezeigt, in dem ich gelebt habe, bis ich 15 Jahre alt war. Ich wollte ihr sagen, \u201eIch habe es geschafft, mich davon zu befreien, und Du kannst das auch!\u201c Bevor ich es \u00fcber die Lippen gebracht hatte, haben sich meine Augen pl\u00f6tzlich mit Tr\u00e4nen gef\u00fcllt und ich fing an zu weinen. Woher kommen diese Tr\u00e4nen? Ich bin dabei, dies herauszufinden, und dabei hilft mir das Schreiben. Es muss mit Erlebnisses zusammenh\u00e4ngen, die ich hatte, bevor ich zu sprechen gelernt habe. Melanie Klein hat viel \u00fcber diese Phase der fr\u00fchen Kindheit geschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Martin Ebeling: Sprechen wir \u00fcber Ihre eigenen Kinder, die sagen, dass Ihre Beziehung mit Ihrer Frau Marilyn meistens wichtiger war als die Beziehung, die Sie beide zu Ihren Kindern hatten. Ist das das Geheimnis einer gl\u00fccklichen Ehe?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Irvin Yalom: Nein, ich glaube, da habe ich nicht immer die richtigen Priorit\u00e4ten gesetzt. Die zwei Dinge, die mich im Leben wirklich in ihren Bann gezogen haben, waren meine Frau und das Schreiben. Ich liebe mich Kinder und verbringe gerne Zeit mit ihnen, zum Beispiel beim Schach spielen. Aber ich h\u00e4tte ein besserer Vater sein k\u00f6nnen, und das ist eins der wenigen Dinge, die ich bereue.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Martin Ebeling: Stellen Sie Sich vor, Sie k\u00f6nnten Ihr Leben unterteilen. Wie oft denken Sie an sich in erster Linie als Schriftsteller, als Therapeut und als Vater?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Irvin Yalom: Oh je, das ist eine wirklich schwierige Frage, die ich kaum beantworten kann. Ich sehe die Welt durch die Augen eines Schriftstellers und entdecke \u00fcberall Geschichten, die man entwickeln k\u00f6nnte. Als ich meine Memoiren geschrieben und mein Leben dabei in Abschnitte unterteilt habe, habe ich weniger daran gedacht, was meine Kinder wann getan haben, sondern daran, wie mein Leben als Schriftsteller und mein Leben als Therapeut sich entfaltet haben. Diese Teile meines Lebens haben vielleicht etwas \u00fcberhand gewonnen. Meine Kinder haben mir das zum Gl\u00fcck aber nicht \u00fcbelgenommen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Martin Ebeling: Es gibt da diese Geschichte, dass Sie mit Ihrer Frau gemeinsam die Droge Ecstasy genommen haben. Das war zu einer Zeit, in der Ihre Beziehung so ihre Probleme hatte. Erstaunlicherweise, so schreiben Sie, sind durch Ihren Drogentrip viele dieser Probleme verschwunden. Ist das vielleicht dann das Geheimnis Ihrer gl\u00fccklichen Ehe?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Irvin Yalom:Das Ecstasy kam \u00fcbrigens von Rollo May, meinem ehemaligen Therapeuten, mit dem wir es auch gemeinsam genommen haben. Es war ein magischer Abend, und ja, viele Probleme in unserer Beziehung haben sich dabei in Luft aufgel\u00f6st. Einer meiner Patienten hatte vor kurzem eine \u00e4hnliche Erfahrung, als er auf dem Festival Burning Man, das j\u00e4hrlich in der W\u00fcste Nevadas stattfindet,mit seiner Frau Ecstasy genommen hat. Die Empfehlung kam aber nicht von mir. Ich kann nur von meinen Erfahrungen berichten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Martin Ebeling: Als in den 60ern zum ersten Mal mit LSD geforscht wurde, haben auch Sie an Experimenten teilgenommen. Heute erleben wir eine Renaissance der Forschung mit psychodelischen Substanzen, zum Beispiel wenn es um die Angst vor dem Tod von KrebspatientInnen geht, aber auch in vielen anderen Gebieten. Hat Ihre Erfahrung mit LSD ver\u00e4ndert, wie Sie dem Leben begegnen?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Irvin Yalom: Nein, in den Experimenten damals ging es um die Erforschung der Wirkung von LSD auf die unterbewusste Wahrnehmung. Das waren spannende Experimente, in denen auch ein Effekt festgestellt werden konnte. Einen gr\u00f6\u00dferen Effekt auf mein Leben hatten diese Erfahrungen aber nicht. Ich habe aber einen anderen Patienten, der in seinem Kopf Stimmen h\u00f6rte, die seinen Vater und seinen Hund beleidigten. In der Therapie haben wir damit wenig Fortschritte erzielt. Dann hat er auf demselben Festival Pilze mit psychodelischer Wirkung konsumiert, und diese St\u00f6rung ist auf fast wundersame Weise verschwunden. In anderen L\u00e4ndern gibt es spannende Studien zu diesen Effekten. Meine eigenen Erfahrungen mit Drogen sind aber recht beschr\u00e4nkt. In letzter Zeit habe ich aus medizinischen Gr\u00fcnden gelegentlich Marihuana konsumiert, um meinen Appetit anzuregen. Aber dabei ist es auch geblieben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Martin Ebeling: Eine letzte Frage habe ich noch: Memoiren sind zumindest in Teilen fiktional. Erstens schreiben Sie selber, dass es problematisch sein kann, die eigenen Erinnerungen zu rekonstruieren. Zweitens treffen Sie ja als Autor eine Auswahl, welche Aspekte des Menschen Irvin Yalom Sie Ihren LeserInnen pr\u00e4sentieren wollen. Gibt es einen Aspekt Ihrer Pers\u00f6nlichkeit, den Sie dabei bewusst vor dem Publikum verstecken?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Irvin Yalom: Nein, ich denke, ich bin ziemlich ehrlich, wenn es um mich selbst geht. Aber es gibt da die Tatsache, dass ich heute wie niemals zuvor mit meiner Kindheit in Kontakt stehe. Und ich arbeite gerade an einem Artikel dar\u00fcber, wie wir unsere Kindheitserinnerungen aus der vorverbalen Phase ergr\u00fcnden k\u00f6nnen. Da gibt es definitiv etwas \u00fcber mich, das ich nicht verstehe und artikulieren kann.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Martin Ebeling: Herr Yalom, vielen Dank f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sein Wirken als etwas begreifen, das sich in die Zukunft entfaltet, diesen Effekt nennt Irvin Yalom \u201erippling\u201c. Der Begriff beschreibt die Wellen, die sich bilden, wenn man einen Stein ins stille Wasser wirft. Wie sich Yaloms Lebenswellen entfalten, kann man in seinen Memoiren wunderbar miterleben.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber Martin Ebeling: <br>Dr. Martin Ebeling ist Philosoph und Head of The School of Life for Business Germany. Mit der Mission, unser Potential zu emotionalem Wachstum zu verwirklichen, engagiert er sich als Speaker, Trainer und Moderator, auch wenn er sich selbst lieber als \u201eInstigator of Ideas\u201c bezeichnet. Er ist davon \u00fcberzeugt, dass Arbeit und Lebensgl\u00fcck sich nicht im Wege stehen und arbeitet daran, dass Achtsamkeit und (Selbst-)Mitgef\u00fchl verst\u00e4rkt Eingang in unsere Arbeitswelt und Gesellschaft finden. Als Autor des Buches \u201eConciliatory Democracy\u201c pl\u00e4diert er f\u00fcr einen anderen Umgang mit den politischen Meinungsverschiedenheiten, die unsere Zeit pr\u00e4gen. Dar\u00fcber hinaus hat er zahlreiche wissenschaftliche philosophische Aufs\u00e4tze verfasst.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"353\" src=\"https:\/\/assets.theschooloflife.com\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2025\/06\/08185910\/240312-Blog-School-Hinweis-Kopie-1024x353.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-31283\" srcset=\"https:\/\/assets.theschooloflife.com\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2025\/06\/08185910\/240312-Blog-School-Hinweis-Kopie-1024x353.webp 1024w, https:\/\/assets.theschooloflife.com\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2025\/06\/08185910\/240312-Blog-School-Hinweis-Kopie-300x103.webp 300w, https:\/\/assets.theschooloflife.com\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2025\/06\/08185910\/240312-Blog-School-Hinweis-Kopie-768x265.webp 768w, https:\/\/assets.theschooloflife.com\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2025\/06\/08185910\/240312-Blog-School-Hinweis-Kopie.jpg.webp 1102w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\"><strong>Willst Du mehr dar\u00fcber lernen, wie Du ein gutes und erf\u00fclltes Leben f\u00fchrst?<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Die School of Life unterst\u00fctzt Dich bei Deiner pers\u00f6nlichen und beruflichen Entwicklung mit den besten Ideen aus Philosophie, Psychologie Kunst und Kultur.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-button is-style-outline\" style=\"text-align: center;\"><a style=\"font-size:22px;\" class=\"wp-block-button__link\" href=\"https:\/\/www.theschooloflife.com\/berlin\/?utm_source=Website&#038;utm_medium=Button&#038;utm_campaign=lp0100\">Lerne uns kennen<\/a><\/div>\n\n\n<section class=\"events-carousel\">\n        <div class=\"container\">\n            <div class=\"events-carousel__header\">\n                \n                <div class=\"events-carousel__actions\">\n                                            <div class=\"events-carousel__actions__navigation\">\n                            <button type=\"button\" class=\"swiperbutton--prev swiperbutton button\"\n                                aria-label=\"Previous slide\">\n                                <span class='icon icon--arrow-left ' aria-hidden='true'><svg xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" width=\"12\" height=\"10\" viewBox=\"0 0 12 10\">\n    <g fill-rule=\"evenodd\">\n        <path d=\"M0.089 4.256L10.193 4.256 10.193 5.744 0.089 5.744z\" transform=\"matrix(-1 0 0 1 12 0)\"\/>\n        <path d=\"M6.994 9.985L5.952 8.943 9.896 5 5.952 1.057 6.994 0.015 11.979 5z\" transform=\"matrix(-1 0 0 1 12 0)\"\/>\n    <\/g>\n<\/svg>\n<\/span>                            <\/button>\n                            <button type=\"button\" class=\"swiperbutton--next swiperbutton button\"\n                                aria-label=\"Next slide\">\n                                <span class='icon icon--arrow-right ' aria-hidden='true'><svg xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" width=\"12\" height=\"10\" viewBox=\"0 0 12 10\">\n    <g fill-rule=\"evenodd\">\n        <path d=\"M0.089 4.256L10.193 4.256 10.193 5.744 0.089 5.744z\"\/>\n        <path d=\"M6.994 9.985L5.952 8.943 9.896 5 5.952 1.057 6.994 0.015 11.979 5z\"\/>\n    <\/g>\n<\/svg>\n<\/span>                            <\/button>\n                        <\/div>\n                    \n                                    <\/div>\n            <\/div>\n        <\/div>\n\n                    <div class=\"events-carousel__items\">\n                <div class=\"swiper\">\n                    <div class=\"swiper-wrapper\">\n                                                    \n                                                            <div class=\"swiper-slide\">\n                                    <div class=\"event-block\">\n                                        <div class=\"event-block__content\">\n                                            \n                                                                                            <p class=\"event-block__content__category\">Pers\u00f6nliche Entwicklung<\/p>\n                                            \n                                                                                            <h3 class=\"event-block__content__title\">\n                                                    <a href=\"https:\/\/www.theschooloflife.com\/berlin\/events\/crashkurs-buddhismus\/\">Crashkurs Buddhismus &#8211; 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Wie man Selbsterkenntnis entwickelt<\/a>\n                                                <\/h3>\n                                            \n                                                                                            <div class=\"event-block__content__price\">\n                                                    <span>\u20ac29 &#8211; 45 &nbsp;<\/span>\n                                                <\/div>\n                                            \n                                            \n                                            <a href=\"https:\/\/www.theschooloflife.com\/berlin\/events\/wer-bin-ich-wie-man-selbsterkenntnis-entwickelt\/\" class=\"event-block__content__link\">\n                                                Mehr erfahren <span class='icon icon--arrow-right ' aria-hidden='true'><svg xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" width=\"12\" height=\"10\" viewBox=\"0 0 12 10\">\n    <g fill-rule=\"evenodd\">\n        <path d=\"M0.089 4.256L10.193 4.256 10.193 5.744 0.089 5.744z\"\/>\n        <path d=\"M6.994 9.985L5.952 8.943 9.896 5 5.952 1.057 6.994 0.015 11.979 5z\"\/>\n    <\/g>\n<\/svg>\n<\/span>                                            <\/a>\n                                        <\/div>\n\n                                        <a href=\"https:\/\/www.theschooloflife.com\/berlin\/events\/wer-bin-ich-wie-man-selbsterkenntnis-entwickelt\/\" class=\"event-block__image\">\n                                            <span itemprop=\"image\" itemscope itemtype=\"http:\/\/schema.org\/ImageObject\"><img decoding=\"async\" itemprop=\"contentUrl url\" src=\"https:\/\/assets.theschooloflife.com\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2021\/07\/25182122\/wer-bin-ich-produ-serv-event-1440x1084-1.jpg.webp\" alt=\"\" \/><\/span>\n                                        <\/a>\n                                    <\/div>\n                                <\/div>\n                                                                        <\/div>\n                <\/div>\n            <\/div>\n            <\/section>\n\n\n<section class=\"events-carousel\">\n        <div class=\"container\">\n            <div class=\"events-carousel__header\">\n                \n                <div class=\"events-carousel__actions\">\n                    \n                                    <\/div>\n            <\/div>\n        <\/div>\n\n            <\/section>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":425,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[5,8,3],"tags":[6],"class_list":["post-422","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-all","category-liebe-beziehungen","category-selbst-andere","tag-all"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.7 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die Kunst, das Leben nicht zu bereuen \u1405 Interview mit Irvin D. 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