{"id":33611,"date":"2026-05-05T17:26:16","date_gmt":"2026-05-05T17:26:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theschooloflife.com\/berlin\/?p=33611"},"modified":"2026-05-05T17:29:45","modified_gmt":"2026-05-05T17:29:45","slug":"warum-wir-das-sprechen-neu-lernen-mussen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theschooloflife.com\/berlin\/blog\/warum-wir-das-sprechen-neu-lernen-mussen\/","title":{"rendered":"Warum wir das Sprechen neu lernen m\u00fcssen"},"content":{"rendered":"<p>Es ist allgemein bekannt, dass die Spr\u00f6sslinge des Homo sapiens im Alter zwischen etwa einem und f\u00fcnf Jahren langsam und mitunter etwas holprig etwas tun, das man \u201eSprechen lernen\u201c nennt.<\/p>\n<p>Sie eignen sich einige Schl\u00fcsselw\u00f6rter an \u2013 Mittagessen, Katze, Mama, Pups \u2013, eignen sich eine erste Grammatik an und sind, sobald sie etwa so gro\u00df wie ein Stuhl sind, auf dem besten Weg zu dieser zentralen menschlichen Kompetenz.<\/p>\n<p>Aber: Kurz nachdem sie sprechen gelernt haben, lernen Kinder auch, nicht zu sprechen. Anfangs sind sie noch nicht besonders gut in dieser Kunst, weshalb sie \u2013 f\u00fcr eine kostbare Zeit \u2013 sehr lustig und gelegentlich auch ziemlich anstrengend sind. Sie nutzen ihre neu erworbenen sprachlichen F\u00e4higkeiten, im falschen Augenblick zu sagen \u201eOma stinkt\u201c oder \u201eTante Anna sieht aus wie eine Giraffe\u201c.<\/p>\n<h3 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\"><strong><em>Mit siebzehn kommt kaum noch etwas \u00fcber unsere Lippen.<\/em><\/strong><\/h3>\n<p>Und dann, zur teilweisen Erleichterung der Erwachsenen um sie herum, lernen Kinder tats\u00e4chlich, nicht mehr zu sprechen. Sie werden zu behutsamen H\u00fcter*innen ihrer riskanteren Einsichten.<\/p>\n<p>Vorbei sind die gro\u00dfen Fragen, die unh\u00f6flichen Bemerkungen und die unverbl\u00fcmten Gest\u00e4ndnisse. Mit acht wissen sie schon, wie man sagt: \u201eMir geht es sehr gut, danke, und dir?\u201c Mit elf sagen sie vielleicht: \u201eEs macht mir nichts aus, dass sich meine Eltern scheiden lassen, wir fahren dieses Jahr nach Disneyland.\u201c Und mit siebzehn kommen so gut wie alle Wunder und Schmerzen des Lebens nicht mehr \u00fcber ihre Lippen.<\/p>\n<p>Offensichtlich l\u00e4uft da etwas schief. So sehr, dass man sagen k\u00f6nnte, das Erwachsenwerden h\u00e4ngt davon ab, den umgekehrten Weg einzuschlagen; von einem Prozess, in dem man sich wieder daran erinnert, wie man spricht \u2013 eher im emotionalen als im sprachlichen Sinn dieses Ausdrucks.<\/p>\n<p>Wir erreichen echte Reife, wenn wir es wieder wagen, andere Menschen in das ph\u00e4nomenale Geheimnis und die Qual unseres Selbst einzubeziehen \u2013 mit all der Angst, Freude, den Fragen und Zweifeln, die damit einhergehen.<\/p>\n<h3 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\"><strong><em>Das Schweigen \u00fcber die entscheidenden Themen wird f\u00fcr uns zur Selbstverst\u00e4ndlichkeit.<\/em><\/strong><\/h3>\n<p>Es kann eine Weile dauern, bis uns bewusst wird, wie viel wir eigentlich nicht sagen. Das Schweigen \u00fcber die entscheidenden Themen wird f\u00fcr uns zur Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Es geht nicht nur darum, dass wir andere t\u00e4uschen. Wir haben sogar den Faden in uns selbst verloren und lassen so vieles unausgesprochen, dass wir all die Wut, die Angst oder die Freude, die auf einer tiefen Ebene durch uns str\u00f6men, gar nicht mehr wahrnehmen.<\/p>\n<p>Stellen wir uns also ein gewagtes Experiment vor, das in gewisser Weise ebenso herausfordernd und lohnend ist wie das Erlernen einer neuen Sportart oder das Meistern eines neuen Rezepts. Stellen wir uns vor, wir w\u00fcrden versuchen, zwei, drei oder f\u00fcnf Jahrzehnte Erfahrung ungeschehen zu machen, um zu dem urspr\u00fcnglichen Zustand zur\u00fcckzukehren, den wir in unserem fr\u00fcheren Zuhause kannten. Wir m\u00fcssten nat\u00fcrlich einige Vorsichtsma\u00dfnahmen treffen, aber es geh\u00f6rt zur Widerspr\u00fcchlichkeit des sozialen Lebens von Erwachsenen, dass wir uns nicht in der Lage sehen, dies zu tun.<\/p>\n<h3 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\"><strong><em>Wir m\u00fcssen nicht zwischen Ehrlichkeit und Selbstzensur w\u00e4hlen<\/em><\/strong><\/h3>\n<p>In Wahrheit stehen wir gar nicht vor einer so krassen Wahl zwischen emotionaler Ehrlichkeit und Selbstzensur. Es gibt bew\u00e4hrte Wege, gleichzeitig aufrichtig und freundlich, ehrlich und nicht einsch\u00fcchternd zu sein. Wir k\u00f6nnen unsere Momente der Offenheit mit Leichtigkeit und gesundem Menschenverstand konstruktiv gestalten.<\/p>\n<p>Zum Beispiel k\u00f6nnten wir etwas sagen wie: \u201eEntschuldige bitte, ich will dich nicht vor den Kopf sto\u00dfen, aber gibt es da etwas, wor\u00fcber ich mich ein bisschen aufrege, das ist nicht leicht zu erkl\u00e4ren, also hab bitte etwas Geduld mit mir \u2026\u201c<\/p>\n<p>Oder: \u201eEs ist keinesfalls so, dass du mir nicht wichtig bist. Ich habe einfach Angst, dass du mich zur\u00fcckweisen wirst, was wahrscheinlich erkl\u00e4rt, warum ich mich in den letzten Tagen so komisch verhalten habe.\u201c<\/p>\n<p>Oder: \u201eAls ich gerade gesagt habe, ich denke \u00fcber nichts Bestimmtes nach, stimmte das nicht. In Wahrheit mache ich mir gerade die ganze Zeit Sorgen, dass du den Sex mit mir nicht mehr magst\u201c.<\/p>\n<p>Oder: \u201eIch bin nicht wirklich einfach nur schlecht drauf; in Wahrheit qu\u00e4len mich gerade schlimme \u00c4ngste und Sorgen.\u201c<\/p>\n<p>Wir haben die Botschaft verinnerlicht, dass es \u00e4u\u00dferst gef\u00e4hrlich ist, solche Wahrheiten preiszugeben. Niemand k\u00f6nnte je einen Einblick in das tats\u00e4chliche Ausma\u00df unseres Schmerzes, unserer Sorgen und Sehns\u00fcchte gewinnen und danach trotzdem noch auf unserer Seite sein.<\/p>\n<p>Doch dabei vergessen wir eine grundlegende Tatsache: dass wir uns alle, unter einer Schicht sozialer T\u00e4uschung, nach der Gewissheit sehnen, dass sich unsere verwirrenden, intimen Erfahrungen in den K\u00f6pfen anderer widerspiegeln. Wir sind alle verr\u00fcckt, krank vor Sorge, v\u00f6llig verloren und verzweifelt besorgt um unser Erscheinungsbild, unsere Erfolge und unsere Beliebtheit.<\/p>\n<h3 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\"><strong><em>Wir sind charmanter, wenn wir ehrlich sind<\/em><\/strong><\/h3>\n<p>Wir wirken charmanter, wenn wir unsere Meinung offen sagen, denn vieles, was uns unsympathisch macht, h\u00e4ngt letztendlich mit unserer unbewussten Unaufrichtigkeit zusammen.<\/p>\n<p>Wir haben \u00fcberhaupt keine Lust mit jemandem zu Mittag zu essen, aber sehen keinerlei andere M\u00f6glichkeit, als so zu tun, als ob wir Lust dazu h\u00e4tten. Wir beenden Beziehungen nicht einfach, sondern k\u00f6nnen es nicht ertragen, unseren Wunsch danach einzugestehen, und wirken deshalb verwirrend und unreif.<\/p>\n<p>Wie viel besser w\u00e4re es, wenn wir darauf vertrauen k\u00f6nnten, dass wir \u2013 wie kleine Kinder, nur noch mehr, da wir \u00fcber mehr Selbstbeherrschung und Taktgef\u00fchl verf\u00fcgen \u2013 am bezauberndsten sind, wenn wir uns so nah wie m\u00f6glich an die tats\u00e4chlichen Gegebenheiten halten.<\/p>\n<p>Wenn wir sagen k\u00f6nnen: \u201eDas ist sehr sch\u00f6n, aber es f\u00fchlt sich f\u00fcr mich gerade nicht richtig an, es tut mir wirklich leid.\u201c Oder: \u201eIch bin wahnsinnig w\u00fctend, ein Teil von mir m\u00f6chte schreien und um sich schlagen.\u201c Oder: \u201eIch mache mir keinerlei Hoffnungen, aber ich finde dich sehr attraktiv, und finde keinen guten Umgang damit.\u201c Oder: \u201eIch mache mir solche Sorgen, dass ich in deinen Augen versagt habe, es tut mir wirklich leid.\u201c<\/p>\n<p>Wir werden lernen, richtig zu leben, wenn wir aufh\u00f6ren, uns krankhaft f\u00fcr unsere Realit\u00e4t zu sch\u00e4men.<\/p>\n<p>Niemand hat uns gebeten, am Leben zu sein, niemand hat uns gebeten, so zu leiden, wie wir es tun; wir sind nicht daran schuld, wie schr\u00e4g es ist, wir selbst zu sein.<\/p>\n<p>Was in unserer Macht steht, ist, uns nicht von den Inhalten unseres Geistes einsch\u00fcchtern zu lassen und unser Geschick und Intelligenz einzusetzen, um so viel davon wie m\u00f6glich mit denen zu teilen, denen wir begegnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":20,"featured_media":33613,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[17,13],"tags":[],"class_list":["post-33611","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-emotionale-reife","category-emotionen"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.7 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Warum wir das Sprechen neu lernen m\u00fcssen - The School of Life<\/title>\n<meta name=\"description\" content=\"Als Kinder lernen wir zu sprechen und nur kurze Zeit sp\u00e4ter lernen wir, den Mund zu halten. 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