{"id":31622,"date":"2025-06-21T12:02:52","date_gmt":"2025-06-21T12:02:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theschooloflife.com\/berlin\/?p=31622"},"modified":"2025-06-21T12:02:54","modified_gmt":"2025-06-21T12:02:54","slug":"verzeih-dir","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theschooloflife.com\/berlin\/blog\/verzeih-dir\/","title":{"rendered":"Verzeih dir!"},"content":{"rendered":"<p>H\u00e4ufig f\u00e4llt es uns schwer, uns unsere Fehler zu verzeihen. Wieder und wieder kommen wir auf unsere Ausrutscher zur\u00fcck und gr\u00fcbeln dar\u00fcber nach, was passiert ist. Wie leicht h\u00e4tten wir das ganze Schlamassel vermeiden k\u00f6nnen, w\u00e4ren wir nur nicht so d\u00e4mlich gewesen! Der Gedanke an unsere Patzer qu\u00e4lt ungeheuer: Niemals h\u00e4tten wir diese E-Mail schreiben, nie uns auf eine bestimmte Person einlassen d\u00fcrfen! Wir h\u00e4tten die Ratschl\u00e4ge anderer befolgen und uns das Geld auf keinen Fall leihen d\u00fcrfen&#8230;<\/p>\n<p>Viele Fragen kommen dabei auf: Warum waren wir nicht weitsichtiger? Warum haben wir uns nicht beherrscht? Wie konnten wir nur so indiskret sein! Befriedigende Antworten erhalten wir darauf nicht. Darum findet unsere elende Fragerei kein Ende. Bestenfalls kommen wir zu dem Schluss, Mist gebaut zu haben, weil wir gierig, eitel, oberfl\u00e4chlich, ma\u00dflos und willensschwach waren.<\/p>\n<p>Unser Selbsthass w\u00e4chst, wenn wir uns mit unseren untadeligeren Zeitgenoss*innen vergleichen. Sie haben \u2013 anders als wir \u2013 von Anfang an alles richtig gemacht: Trotz aller Versuchungen sind sie standhaft und pflichtbewusst geblieben und haben an den richtigen Priorit\u00e4ten festgehalten.<\/p>\n<h3 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\"><em>Wir haben Fehler gemacht, weil wir Menschen sind<\/em><\/h3>\n<p>Wollen wir solchen endlosen Selbsthass vermeiden, sollten wir allerdings eine andere Sichtweise einnehmen. Wir k\u00f6nnen unsere Fehler nicht bis in alle Ewigkeit mit dem einen oder anderen charakterlichen Defizit erkl\u00e4ren! Richtiger ist eine allgemeinere Antwort. Sie lautet: Wir haben Fehler gemacht, weil wir Menschen sind. Und als Menschen geh\u00f6ren wir einer Spezies an, der das n\u00f6tige Wissen und die Erfahrung fehlt, um immer gut und weise, freundlich und gl\u00fccklich zu leben.<\/p>\n<p>So genau wir unsere Defizite analysieren: Eigentlich befinden wir uns ohnehin im Blindflug. Darum sind wir dazu verdammt, irgendwann den einen oder anderen schweren Fehler zu machen. Wir k\u00f6nnen nun mal nicht wissen, wen wir heiraten sollen. Wir kennen unsere Talente nicht genau und haben keine Ahnung, wie sich die Wirtschaft entwickeln wird. Darum wissen wir auch nicht mit Sicherheit, in welche Karriere wir am besten investieren sollten. Wir k\u00f6nnen zwar manche Gefahren einigerma\u00dfen absch\u00e4tzen, kennen aber die wahren Risiken nicht im Voraus. Alle Felder sind vermint. Annahmen, die in einer bestimmten Zeit getroffen wurden, erweisen sich in einer anderen als falsch. Auch die gesellschaftliche Moral kann sich \u00e4ndern: Was zu einem bestimmten Zeitpunkt gerade noch akzeptabel war, gilt schon wenige Jahre sp\u00e4ter als unmoralisch.<\/p>\n<h3 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\"><em>Dass uns irgendwann etwas Schlimmes passiert, war von Anfang an abzusehen<\/em><\/h3>\n<p>Es ist gut m\u00f6glich, dass uns das Leben an einer ganz konkreten Stelle besonders hart erwischt. Aber die Wunde, die entsteht, muss sich nicht ausbreiten. Dass uns irgendwann etwas Schlimmes passiert, war von Anfang an abzusehen \u2013 nicht weil wir pers\u00f6nlich so unf\u00e4hig w\u00e4ren, sondern weil das menschliche Gehirn im Allgemeinen nicht daf\u00fcr ger\u00fcstet ist, uns fehlerfrei durch den Hindernislauf des Lebens zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Doch wie ausgepr\u00e4gt auch immer unsere Schw\u00e4chen sind, vielleicht hatten wir ja zus\u00e4tzlich auch mit einer besonders b\u00f6sartigen Wendung des Schicksals zu k\u00e4mpfen. Andere waren wom\u00f6glich genauso voreilig oder unvern\u00fcnftig wie wir, konnten aber (vorerst) unbehelligt Kurs halten. Das Schicksal hat uns einfach h\u00e4rter getroffen. Jeder, der wie wir auf die Probe gestellt worden w\u00e4re, h\u00e4tte auf vergleichbare Weise versagt. Wir sollten die Rolle ungl\u00fccklicher Zuf\u00e4lle in unserem Leben nicht untersch\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Problematisch ist es auch, sich mit denjenigen zu vergleichen, die uns eine Nasenl\u00e4nge voraus sind, statt unsere Situation im Ganzen zu betrachten. Wenn wir niedergeschlagen sind, starren wir neidisch auf alle, die gerade ganz oben stehen, ohne an die Hunderte, ja Millionen von Menschen zu denken, die ein ebenso grausames Schicksal erlitten haben wie wir selbst. Wir vergr\u00f6\u00dfern unsere Probleme, wenn wir die Menschen nicht beachten, die genauso viel geweint und noch mehr verloren haben als wir.<\/p>\n<h3 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\"><em>Ma\u00dfloser Selbsthass dient keinem n\u00fctzlichen Zweck<\/em><\/h3>\n<p>Wir sollten uns auch nicht mit Leuten vergleichen, denen wir \u2013 oberfl\u00e4chlich betrachtet \u2013 \u00e4hneln, etwa, weil sie dasselbe Alter oder einen \u00e4hnlichen Bildungshintergrund haben, deren seelische Ausgangssituation aber eine v\u00f6llig andere ist. Sie hatten nicht unsere Eltern, sie mussten nicht durchmachen, was wir durchgemacht haben, sie hatten nicht mit unserer emotionalen Unreife zu k\u00e4mpfen. Wir scheinen ihnen zu gleichen, aber in Wirklichkeit hatten sie es vielleicht einfach besser. Wir sollten Mitgef\u00fchl f\u00fcr uns selbst entwickeln, indem wir uns vergegenw\u00e4rtigen, was wir durchmachen mussten.<\/p>\n<p>Etwas zu bedauern, kann hilfreich sein: Eine Bestandsaufnahme der eigenen Fehler h\u00e4lt uns vielleicht davon ab, beim n\u00e4chsten Mal erneut \u00fcber die schlimmsten Fallstricke zu stolpern. Aber ma\u00dfloser Selbsthass dient keinem n\u00fctzlichen Zweck; er ist masochistisch, wir k\u00f6nnen ihn uns nicht leisten. Ja, vielleicht waren wir dumm. Aber das ist durchaus nicht ungew\u00f6hnlich. Es best\u00e4tigt nur, dass wir Menschen sind, eine Tatsache, die unsere grenzenlose Sympathie und all unser Mitgef\u00fchl verdient.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":20,"featured_media":31626,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[21],"tags":[],"class_list":["post-31622","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-sebstliebe"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.7 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Verzeih dir! \u25b7 The School of Life<\/title>\n<meta name=\"description\" content=\"(Blog) Warum machen wir uns selbst so fertig, wenn wir meinen, etwas falsch gemacht zu haben? 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