Warum wir in der Liebe zu viel oder zu wenig Abstand halten

Eine beachtliche Anzahl von Beziehungsproblemen lässt sich mit einer simplen räumlichen Metapher auf den Punkt bringen: Wie viel Abstand wir zueinander halten.

Das seltene Kunststück, in etwa den richtigen Abstand zu unserem Partner oder unserer Partnerin zu halten, ist nur möglich, wenn wir einerseits anerkennen können, dass wir die Liebe der anderen Person brauchen - und wenn wir andererseits darauf vertrauen können, dass auch die andere Person uns braucht. Dazu gehört auch die Zuversicht, dass wir notfalls auch ohne sie überleben können.

Beide Tendenzen, das Zuviel an Nähe und das Zuwenig an Nähe, haben schon in der Kindheit begonnen, lange bevor unsere Beziehungen als Erwachsene begannen.


Wir werden zu Menschen, die gerne sehr weit weg stehen, am liebsten mit einem Wassergraben um uns herum, wenn ein ursprünglicher Versuch der Nähe in Ablehnung, Demütigung, Unsicherheit oder Scham endete, mit der wir als Kinder nicht umgehen konnten. Ohne uns dessen bewusst zu sein, haben wir uns vorgenommen, uns nie wieder in einem solchen Ausmaß zu öffnen. Bei den ersten Anzeichen einer Enttäuschung durch den*die Partner*in sind wir daher geneigt, weit und schnell vor dem Schmerz davonzulaufen. Wir bleiben nicht in der Nähe und lassen uns nicht anmerken, dass wir verletzt sein könnten. Wir sind bereits auf unserer Insel, arbeiten viel, treffen uns mit anderen, haben eine Affäre, überzeugen uns selbst und andere, dass alles in Ordnung ist - und wollen - allem voran – auf keinen Fall darüber reden.

Andererseits werden wir zu den Menschen, die so viel Nähe wie möglich suchen, wenn jemand vor langer Zeit Versprechen gebrochen hat, sehr wechselhaft war, unerwartet verschwunden ist, vielleicht sogar plötzlich gestorben ist. Wir sind jetzt sehr misstrauisch, verzweifelt und leicht in Rage zu bringen angesichts aller zweideutigen Momente der Liebe: Die Katastrophe scheint nie weit entfernt zu sein. Eine etwas unterkühlte Stimmung muss ein Vorbote eines Konflikts sein; ein kurzer unharmonischer Moment ist ein klares Zeichen für die nahende Trennung. Unsere Sorge mag ergreifend sein, aber unsere Art, sie auszudrücken, ist es weniger. Angesichts der schnell unterstellten Unzuverlässigkeit und der bösen Absichten des Partners oder der Partnerin verlangen wir, dass er*sie genau zu einer bestimmten Stunde zurück ist, wir schimpfen, wenn er oder sie einen Moment lang unaufmerksam ist, wir zwingen die Person, zu beweisen, dass sie es ernst mit uns meint, indem wir sie durch einen Hindernisparcours an Erledigungen und Aufgaben jagen. Wir werden sehr wütend, anstatt mit Gelassenheit zuzugeben, dass wir uns große Sorgen machen.

Es kann ein Leben dauern, die richtige Distanz zu finden

Dem Drang zu widerstehen, zu viel Nähe oder zu viel Abstand zu suchen, kann die Arbeit eines ganzen Lebens sein. Wenn es uns gelingt, sind wir irgendwann in der Lage, dem*der Partner*in zu sagen, dass er*sie uns verletzt hat, anstatt sofort darauf zu beharren, dass wir sowieso nie etwas für ihn oder sie empfunden haben. Wir nehmen das Risiko in Kauf, dort zu stehen, wo wir sind, und der anderen Person mit berührender Aufrichtigkeit mitzuteilen, dass sie uns verletzt hat und dass wir abhängig von ihr sind.

Wir pflegen auch unsere Fähigkeit, zweideutige Momente ohne Selbstverachtung zu deuten. Wir wissen, dass wir der anderen Person etwas Raum geben müssen, in der Hoffnung, dass sie zu uns zurückkommen wird, aber auch in der Gewissheit, dass wir überleben werden, selbst wenn sie es nicht tut. Wir werden nicht wütend und streng, wenn sie uns scheinbar im Stich gelassen haben: Wir gestehen einfach, dass wir Angst haben.

Wir können die Suche nach einem angemesseneren Abstand mit ein paar einfachen Fragen beginnen: Wir fragen uns, wohin wir tendieren – eher in Richtung zu viel oder zu wenig Abstand; wir fragen uns, was in der Vergangenheit dazu beigetragen hat, dass wir so geworden sind; wir achten genau darauf, wie sich im Alltag unsere Tendenzen auf unsere Beziehungen auswirken, und denken wir uns in die Frage ein, wie wir handeln würden, wenn wir zu den gesegneten Menschen gehören würden, die die Unsicherheiten der Liebe mit etwas mehr Zuversicht und Vertrauen zu bewältigen wissen.

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